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Mundart - Eine Einführung in Lautung, Grammatik, Wortschatz und Satzbau


Unser Mundartabend "De Berker Klängerstu'ef" setzt sich für die Pflege der Wegberger Mundart, des "Platt" ein. Hierzu ist es auch notwendig, sich mit den Teilbereichen der Sprache, wie Phonetik, Morphologie, Grammatik und Semantik zu beschäftigen. Mit der Systematik, die sich hierbei auch im Dialekt zeigt, beschäftigt sich das Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte.


Phonetik/Lautung & Grammatik


Die Dialekte des Rheinlandes unterscheiden sich in ihrer Grammatik und Aussprache an vielen Stellen von der deutschen Standardsprache. Doch das tun sie nicht willkürlich ‒ dahinter verbirgt sich ebenso ein System wie im Hochdeutschen. Und dieses System ist in mancherlei Hinsicht ziemlich komplex: So entsprechen dem 'hochdeutschen g' je nach Region im Rheinland bis zu vier unterschiedliche Laute, die in klar definierten Positionen auftreten, so zum Beispiel im Ripuarischen das /j/ im Anlaut eines Wortes: jut 'gut', Jaade 'Garten', jejange 'gegangen'. Und auch die Grammatik der Dialekte weist Besonderheiten auf. So zum Beispiel bei der Bildung von Verkleinerungsformen am Niederrhein (Männeke 'Männchen') oder bei der Verwendung von Präpositionen (nohm Marie jonn 'zu Marie gehen'). Solche Phänomene werden in dieser Rubrik näher vorgestellt.


Besonderheiten der Dialekte in Lautung & Grammatik


  • Aussprache von 'g' als /j/: Dat jefällt mir jut!
  • Dickes L
  • Neutrale Frauenrufnamen: dat Marie un et Anna
  • Örtliche Präpositionen: Da jinge mir heem bei os Mam
  • Rheinische Tonakzente
  • Rheinische Velarisierung
  • Verkleinerungsformen: von 'Pittermännsche' un 'Pinnekes'

Vokabular/Wortschatz


Der Wortschatz der Dialekte im Rheinland ist durch das große "Rheinische Wörterbuch", das von 1928-1971 in neun Bänden veröffentlicht wurde, hervorragend dokumentiert. Dank des Projektes Wörterbuchnetz des Center for Digital Humanities der Universität Trier ist es inzwischen vollständig online einsehbar: Rheinisches Wörterbuch.

Einen Bericht über das Rheinische Wörterbuch und seinen 'Vater' Josef Müller, den ILR-Mitarbeiter Peter Honnen für die Institutszeitschrift Alltag im Rheinland (2017) geschrieben hat, gibt es hier (PDF-Datei, 4,89 MB).
Titelseite des Rheinischen Wörterbuchs
(erster Band 1928)
Neben diesem Werk liegen zahlreiche kleinere und größere Ortswörterbücher vor, in denen jeweils der Wortbestand einzelner Dörfer und Städte verzeichnet ist. Viele davon werden in der Bibliothek der Sprachabteilung des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte aufbewahrt. Einige der örtlichen Dialektwörterbücher stellen wir hier auch vor, darunter mit Herbert Ackermanns "Grefrather Mundartwörterbuch" das umfangreichste Nachschlagewerk zum Dialekt eines einzelnen Ortes im Rheinland.
Syntax/Satzbau

Den Satzbau (die Syntax) einer Sprache kann man gut mit einem Skelett vergleichen. An vielen Stellen gleicht das Skelett der Dialekte dem der Standardsprache, so zum Beispiel bei der Abfolge von Subjekt, Prädikat und Objekt in Frage- und Aussagesätzen:

Küssde morgen?
Kommst du morgen?

Isch lesse e Boch.
Ich lese ein Buch.

Alternativ könnte der letzte Satz aber auch Isch ben e Boch am lesse lauten. Diese Konstruktion ist für die rheinischen Dialekte (und auch die alltägliche Umgangssprache) so typisch, dass sie nach der Region benannt wurde: Rheinische Verlaufsform.

Mit dieser speziellen, rheinlandtypischen Konstruktion hat sich Charlotte Rein vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte im folgenden Aufsatz beschäftigt.

Rheinische Verlaufsform: am Arbeide...

Eine sprachliche Konstruktion, über die in den letzten Jahren in Internetforen häufig diskutiert wurde, ist die sogenannte rheinische Verlaufsform. Von den einen wird sie hochgelobt ("Selbst komme ich vom Niederrhein und mag die Verlaufsform sehr gerne"), von den anderen verteufelt ("Natürlich kann man das so schreiben, daran ist nichts falsch. Nur dass es umständlich und plump und nicht unbedingt typisch für das Deutsche ist."). Zankapfel sind Formulierungen wie diese (auf die sich auch das letzte Zitat bezieht): Schwer zu sagen, wer am Arbeiten und wer am Ausgehen ist. Die Verknüpfung der Präposition am mit einem Verb, im Beispiel arbeiten und ausgehen, soll ausdrücken, dass eine Handlung zum Zeitpunkt des Sprechens abläuft und andauert. Das heißt, es ist schwer zu sagen, wer jetzt gerade, in dem Moment, in dem der Satz formuliert wird, dabei ist zu arbeiten bzw. auszugehen. Auch können mit der Konstruktion Aussagen über (all-)täglich wiederholte Vorgänge gemacht werden: Die Kinder sind längst aus der Schule. Michael ist schon am Arbeiten/am Verdienen, Monika ist noch am Studieren (Elspaß 2005, S. 272).

Im Englischunterricht lernen Schülerinnen und Schüler ähnliche Konstruktionen als progressive forms kennen (He is working), im Deutschen werden sie als Progressiv oder Verlaufsform bezeichnet. Die Bekanntheit solcher Formulierungen aus der englischen Sprache führt oft dazu, dass angenommen wird, es handele sich um eine (neue) Entlehnung aus dem Englischen ins Deutsche, und sie werden dann von Sprachpuristen aus diesem Grund abgelehnt, wie das obengenannte Zitat zeigt ("nicht unbedingt typisch für das Deutsche"). Wie die Bezeichnung 'rheinische Verlaufsform' aber schon vermuten lässt, trifft die Annahme einer neuen Entlehnung in diesem Fall nicht zu. Wie Untersuchungen schriftlicher Texte aus dem 19. Jahrhundert zeigen, wird die Konstruktion schon zu dieser Zeit in der deutschen Sprache verwendet und zwar hauptsächlich von Schreibern, die aus dem (Nord-)Westen Deutschlands und der Schweiz stammen. Genutzt wird sie entweder von Autoren in Werken, in denen alltägliche Gespräche wiedergegeben werden sollen, oder in privaten Texten von Menschen, die eher ungeübte Schreiber sind (z. B. Briefe von Auswanderern an ihre daheimgebliebenen Verwandten). So schreibt ein aus Ratingen-Homberg (Kreis Mettmann) stammender ausgewanderter Bauer 1860: Aber kaum war ich eine Woche da, da ließen mir die Mitglieder von seiner Gemeinde keine Ruhe, denen zu helfen, als die an ihrem Kirchhofe am arbeiten waren (Elspaß 2005, S. 269). Formulierungen wie diese lassen darauf schließen, dass die Verlaufsform zu dieser Zeit in den rheinischen Dialekten üblich war. Dies hat sich bis heute nicht verändert. So erzählt ein Bonner Plattsprecher (hier gehts zur Aufnahme aus Bonn ) über Weihnachten: De Motte sät-an: "Die Ängelsche sin im Himmel am Backe." Wä-me mojens en de Kösch kom, roch et do esu, wie wenn ene do jebacke hät. Im Norden des Rheinlands entspricht der Präposition am die Form ant: Op de Wäk nor Hüs was min Muder nok ant Schimpe (Elten, Stadt Emmerich, Kreis Kleve).

Über die heutige Verbreitung der Konstruktion geben die entsprechenden Karten des Atlas zur deutschen Alltagssprache Aufschluss. Hier wird deutlich, dass Sätze wie Sie ist noch am Schlafen heute in der alltäglichen Sprache im gesamten deutschen Sprachgebiet verwendet werden. Aber es gibt einen Unterschied in ihrer regionalen Verbreitung: In der gesamten Westhälfte Deutschlands und in der Schweiz geben die Befragten an, dass bei ihnen diese Formulierung "schon immer" üblich ist, während in der Osthälfte Deutschlands und in Österreich die Antworten "ja, aber erst seit einigen Jahren", vereinzelt auch "völlig unüblich" überwiegen. Ergänzt man die Verlaufsform um ein Objekt (Ich bin gerade die Uhr am Reparieren) zeigt die Karte ein anderes Bild: Diese Variante ist nur im mittleren Westen Deutschlands und in der Schweiz üblich, also in den Regionen, in denen ihr dialektaler Ursprung vermutet wird. So heißt es beispielsweise in einer Erzählung aus Bienen (Stadt Rees, Kreis Kleve): Mädachs een Üür, de School was üt, Muder hat al et Water ant Kooke, on Küpen on Bläkome (Bottiche und Blechschüsseln) stunne parat. Und ein Dialektsprecher aus Bonn berichtet über das Weihnachtsfest 1949: Un so wor och dann der Hailischovent etwas ärmlisch, dat Tannebömsche wor zwa am Brenne, äve die Jeschängke, die woren doch arsch rar.

Im Duden ist die Verlaufsform nicht als regionalspezifische Form gekennzeichnet, sie wird allgemein der Umgangssprache zugewiesen. Es handelt sich also um einen aktuellen und spannenden Wandelprozess, der in der Sprachwissenschaft auch als Grammatikalisierungsprozess bezeichnet wird: Eine ehemals dialektale, und damit mündliche Variante wird allmählich auch im gesprochenen Hochdeutschen und sogar im schriftlichen Gebrauch üblich. Grund hierfür ist vermutlich, dass die Form Ausdrucksmöglichkeiten bietet, die im Hochdeutschen noch nicht (optimal) vorhanden sind.

Literatur:

  • Atlas zur deutschen Alltagssprache. Herausgegeben von Stephan Elspaß/Robert Möller. 2003– . [URL: www.atlas-alltagssprache.de]
  • Georg Cornelissen: Der Niederrhein und sein Deutsch. Sprechen tun et fast alle. 4. Auflage. Köln 2014.
  • Stephan Elspaß: Sprachgeschichte von unten. Untersuchungen zum geschriebenen Alltagsdeutsch im 19. Jahrhundert. Tübingen 2005.
  • Stephan Elspaß: Grammatischer Wandel im (Mittel-)Neuhochdeutschen – von oben und von unten. Perspektiven einer Historischen Soziolinguistik des Deutschen. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik (43/3), 2015, S. 387‒420.
  • VG = Variantengrammatik des Standarddeutschen. Ein Online-Nachschlagewerk. Verfasst von einem Autorenteam unter der Leitung von Christa Dürscheid, Stephan Elspaß und Arne Ziegler. [sein + am / beim / im + Infinitiv]. Open-Access-Publikation 2018. [URL: http://mediawiki.ids-mannheim.de/VarGra/index.php/Hauptseite].

Historischer Verein Wegberg e.V. - 09.09.2021 - Letzte Änderung: 09.09.2021

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