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Panorama-Aufnahme Wegberg mit Burg Wegberg, Forum, Wegberger Mühle, Rathaus und Pfarrkirche St. Peter & Paul, Foto: Heinen
"Berker Notizen"
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Die Wegberger und ihr Trinkwasser
Von Maria Tannhäuser
Teil 1: Als das Trinkwasser noch aus der Pumpe kam
Wir sind daran gewöhnt, dass wir bei Wasserbedarf nur den Kran öffnen müssen. Wird das Wasser einmal abgestellt, weil Reparaturen an der Wasserleitung anstehen, werden wir in unserem Tagesrhythmus erheblich gestört: die Toilettenspülung funktioniert nicht, man kann sich nicht waschen, keinen Kaffee oder etwas anderes kochen, Spül- und Waschmaschinen laufen nicht.
Zum Neubau des Wasserturms bei Wegberg 1933/34, der ursprünglich noch notwendig war für die Erzeugung des benötigten Wasserdrucks und auch für die Wasserspeicherung schrieb O. Wilmes aus Tüschenbroich damals folgendes Gedicht:
Einst und jetzt
(Zum Neubau des Wasserturms bei Wegberg 1933/34)
(Zum Neubau des Wasserturms bei Wegberg 1933/34)
Wie war‘s im Schwalmland vordemMit „Wasserholen“ unbequemDenn vielfach hatte man – o Graus -Den Brunnen ziemlich weit vom Haus…Ob‘s draußen trocken oder nassOb‘s Kummer machte oder SpaßBei schwüler Hitze oder KälteOb sich so mancher dabei quälte.Da half nicht aus, da half nicht einIm Hause musste Wasser sein…Besonders „an Großwäschetagen“Lag‘s der Waschfrau „schwer im Magen“Es wurden dann der Worte vielGewechselt im „ganz argen Stil“Denn keiner war darauf verlegenBesonders nicht nach vielem RegenSie schwer beladen abzuwürgen:Die volle Tonne „heimzuschürgen“…Das soll nun alles anders werden.Seit festgemauert in der ErdenTrotzt hoch in Lüften, Wind und SturmEin frischgeborener Wasserturm.Wie wird nun die Zukunft schönMan braucht am Krane nur zu drehnUnd eins zwei drei -ach wat ne Spaß-Ist schon gefüllt das Wasserfass.Ach was ist‘s doch für ein Segen.Man braucht nicht mehr durch Dreck und RegenVerdrießlich sich herumzutreiben.Man kann jetzt schön zu Hause bleiben.Der Wäschefrauen bös GebrummWird nun wohl für immer stumm.Überall hört man wiederLachen und fröhliche Lieder.Frisch gezapft am flüss‘gen QuellDrum trinket Wasser rein und hellEs verjüngt das Leben, macht klaren VerstandEs löscht den Durst und löscht den BrandUnd wenn sich ein Trotzkopf aufbäumet im ZornDann haltet mit Volldampf den Schlauch ihm aufs Korn.Das Fieber legt sich -das sollt ihr seh’n-Es werden Wunder durch Wasser gescheh‘nDrum freuet euch herzlich allzumalIhr Schwalmtaler Leut vom unteren TalUnd waschet und trinket und badet zur ZeitEs ist für den Körper gesund und gescheit-.Ihr sparet den Arzt - bleibt ewig jungdrum bleibe stets in Erinnerungaus Dankbarkeitsgefühlen schon,Dass unsere GenerationIm weiten unteren SchwalmenlandDes Werkes erste Gunst empfand.So trotze in Zukunft dem Wind und Sturm,Du höchster westdeutscher Wasserturm.
Aus: Heimatblätter, Ausg.1/1935, S. 3, Wasserturm Uevekoven, Baujahr 1933/34
In der Bundesrepublik Deutschland verbraucht jeder Einwohner pro Tag durchschnittlich circa 120 Liter Trinkwasser für Körperhygiene, Wäschewaschen, Toilettenspülung, Kochen usw. Unser Dorf (Rickelrath) wurde erst 1957 an das Wassernetz angeschlossen. Das bedeutete für meine Mutter bei unserer damals fünfköpfigen Familie, dass sie täglich sechzig 10-Liter-Eimer Wasser aus der entfernt liegenden Wasserpumpe herbeischaffen musste. Einige Familien hatten zumindest das Privileg, eine eigene Wasserpumpe in ihrer Küche oder auf dem Hof zu haben. Andere mussten entfernter liegende Pumpen aufsuchen, die von mehreren Familien gebraucht wurden.
In jedem Ort standen öffentliche Pumpen, die für jeden zugänglich waren. In Rickelrath z.B. befand sich eine Pumpe Ecke Dülkener Straße/Molzmühlenweg. In Beeck gab es drei öffentliche Pumpen: Ecke Holtumer Straße/Kirchplatz (an Tante Juliane), am alten Spritzenhaus (ehemalige Beecker Schule) gegenüber dem Pfarrhaus und in der kleinen Kirchgasse. (vgl. Heinz Gerichhausen, Als Licht und Wasser nach Beeck kamen, in: Beecker Blätter, Ausgabe Mai 1990, Heft 10, S. 7)


Bilder 1 und 2: Wasserpumpen auf Innenhöfen (Fotos: Maria Tannhäuser)
Links: Innenhof Buschmühle (mit Bank daneben), rechts: Innenhof Korbmacher-Museum Hilfahrt
Allerdings, 120 Liter Trinkwasser pro Person brauchte man damals sicherlich nicht. Toilettenspülungen gab es nicht, man benutzte „Plumpsklos“. Händewaschen nach dem Toilettengang war eher selten. Meine Großeltern z.B. hatten in ihrer Dorfkneipe zwar zwei Plumpsklos für die Gäste. Aber wo hätten sie sich die Hände waschen sollen? Dann hätte man jeden in die Küche lassen müssen, in der bei meinen Großeltern die Pumpe stand.
Ich erinnere mich noch, dass wir eine ovale mit Emaille beschichtete Handwaschschüssel hatten, in der ein Fach für die Seife eingearbeitet war. Die wurde vor allem dann mit Sorgfalt vorbereitet, wenn der Hausarzt erwartet wurde. Der hatte nämlich das Recht (und vielleicht auch die Pflicht), sich vor und nach dem Krankenbesuch die Hände zu waschen.
Bild 3: Das „stille Örtchen“ mit Zeitungspapier, so, wie wir es von früher kennen (Foto: Maria Tannhäuser), aufgenommen im Innenhof des Korbmacher-Museums Hilfahrt
Für die tägliche Körperwäsche gab es eine große Schüssel mit frischem kaltem Wasser im Schlafzimmer, für nächtliche Toilettengänge gebrauchte man das Nachtgeschirr, um nachts nicht nach draußen in die Kälte zu müssen.
Gebadet wurde einmal in der Woche in einer Zinkbadewanne, meist geschah das am Samstag. Aber da das Wasser nicht nur herbeigeschafft, sondern auch erhitzt werden musste, war bei einer großen Familie kein Denken daran, für jeden frisches Wasser bereit zu stellen. Das war schlecht für denjenigen, der als Letzter in die Wanne kam.
Wäsche waschen war für die Hausfrauen damals eine schwere Arbeit. Wasch- oder Spülmaschinen waren ja ohne Wasseranschluss nicht zu gebrauchen. Stattdessen gebrauchten die Hausfrauen einen großen Kessel, den sie eimerweise mit Wasser füllten. Unter dem Kessel war eine Feuerstelle, mit der man das Wasser erhitzte. In dem heißen Wasser wurde die Wäsche gekocht.
Bild 4: Wäschekochkessel (Foto: Maria Tannhäuser), aufgenommen im Innenhof der Buschmühle.
Hier kann der Wäschekessel schon mit Wasser aus dem Kran gefüllt werden. Vor der Verlegung der Wasserleitungen geschah das Eimer per Eimer.
Dann wurde die heiße Wäsche mit einem langen Holzstab in einen Holzbottich gehievt, der mit Wasser gefüllt war und einen elektrischen Anschluss hatte. Durch einen Rotor wurde die Wäsche hin und her bewegt. Zuletzt drehte man sie per Hand durch eine Mangel. Anschließend mussten aber noch beide Wasserbehälter Eimer per Eimer geleert werden.

Bild 5: Holzbottich und Mangel (Foto: Maria Tannhäuser), aufgenommen im Heemmuseum Het Molenijzer, Putte (Belgien)
Gespült wurde in zwei Schüsseln auf dem Küchentisch. In einer Schüssel war das Spülwasser, in der anderen wurde das nasse Geschirr gesammelt.
Auf unserem Friedhof gab es kein Wasser, man musste alles mitbringen. Als Kind begleitete ich oft unsere Nachbarin zum Friedhof. Sie nahm ein größeres Einmachglas gefüllt mit Wasser mit. Das Glas wurde leicht in die Erde eingegraben und dann mit frischen Blumen aus dem eigenen Garten gefüllt.
Festzelte wurden schon aufgestellt, bevor es Elektrizität und fließendes Wasser gab. Sie mussten dann aber zentral mitten im Ort stehen, in der Nähe einer öffentlichen Wasserpumpe.
Ganz problematisch wurde es, wenn Feuer ausbrach. 1835 brannten in Rickelrath gleich elf Wohnhäuser mit angrenzenden Scheunen und Stallungen ab, weil es wahrscheinlich keinen Löschteich gab und das Großfeuer mit Eimern nicht in den Griff zu bekommen war.
Während des Krieges ließ die Gemeinde auf dem Anger einen Löschteich errichten auf dem Platz, den man meist auch für die Errichtung des Festzeltes gebraucht hatte. Das führte 1949 in Rickelrath zur sogenannten Löschteichaffäre.
Zu diesem Vorfall befindet sich im Archiv der Schützenbruderschaft ein Schreiben des Oberkreisdirektors vom 16.8.1949. Dort heißt es unter anderem:„Aus Anlass der diesjährigen Frühkirmes hatte die Bruderschaft in Verbindung mit der Dorfgemeinschaft am 12.5.1949 den Feuerlöschteich in Rickelrath abgebrochen und zugeschüttet. Obwohl die Gemeindeverwaltung Kenntnis von diesen Dingen hatte, hat sie großzügigerweise der Bruderschaft, um das geplante Dorffest nicht in Frage zu stellen, die Genehmigung erteilt, das über der Baustelle errichtete Zelt für die Kirmestage zu benutzen und Tanzveranstaltungen darin abzuhalten.
Die bereits eingeleitete Strafverfolgung gegen die Urheber und Zerstörer des Gemeindeeigentums wurde zunächst eingestellt, weil die Bruderschaft sich bereit erklärt hatte, nach Beendigung der Kirmesfeier den alten Zustand wiederherzustellen.Die von der Gemeindebehörde ausgestellte Tanzerlaubnis für die Festtage wurde ausdrücklich mit dieser Auflage erteilt, und die Gemeinde hat im Vertrauen auf die Erfüllung der Auflage von der sofortigen Strafverfolgung Abstand genommen.
Zu meinem größten Befremden muss ich als Aufsichtsbehörde der Gemeinde nach nunmehr 12 Wochen feststellen, dass Sie die Ihnen im Vertrauen auf ihr Wort erteilte Auflage nicht erfüllt haben.
Dieses Verhalten ist umso bedauerlicher, als die Ortschaft Rickelrath über keine Wasserleitung verfügt. Die wenigen im Dorf vorhandenen Hausbrunnen geben bei nur ganz geringer Inanspruchnahme kaum so viel Wasser, um Haushalte und Gewerbebetriebe zu versorgen, und für den Ernstfall würde praktisch für Löschzwecke kein Wasser zur Verfügung stehen.
Auf die im Ort vorhandene erhöhte Brandgefahr (strohgedeckte Häuser) wird in diesem Zusammenhang besonders hingewiesen.
Ich fordere Sie auf, die Wiederherstellung des Feuerlöschteiches am alten Platze unverzüglich in Angriff zu nehmen und bis zum 1.9.1949 fertigzustellen. Für den Fall der Zuwiderhandlung gegen diese Anordnung drohe ich ihnen unter Bezug auf § 55 des PVG vom 1.6.1931 eine Zwangsgeldstrafe in Höhe von 100 DM an, an deren Stelle im Falle der Nichtbeitreibbarkeit eine Haftstrafe von 7 Tagen tritt.“
Heute ist man geneigt über diese Sache zu schmunzeln. Wäre aber ein Brand ausgebrochen, hätte es sicherlich erhebliche Schuldzuweisungen und Regressansprüche gegeben. (Archiv der St. Matthias-Schützenbruderschaft Rickelrath, Mappe 23.1)
Auch anderenorts wurden vor Verlegung der Wasserleitungen Wasserreserven in Form von Weihern oder Teichen angelegt (vgl. Kurt Braß, Eine Sammlung von Berichten von und über Wildenrath im Wandel der Zeit, wann war was?, Erkelenz 2018/2019, S. 286).
Einen Vorteil hatte die Wasserversorgung per Pumpe: Das Wasser wurde niemals abgestellt, und man musste kein Wassergeld bezahlen.Fortsetzung folgt.
Teil 2: Die Verlegung der Wasserleitungen: Fließendes Wasser aus dem Kran
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Historischer Verein Wegberg e.V. - 14.02.2026 - Letzte Änderung: 21.03.2026
