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Historischer Verein Wegberg e.V.

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Panorama-Aufnahme Wegberg mit Burg Wegberg, Forum, Wegberger Mühle, Rathaus und Pfarrkirche St. Peter & Paul, Foto: Heinen
"Berker Notizen"

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BERKER

NOTIZEN
Arsbeck in der Kriegszeit - ein Erinnerungs-Puzzle
Von Gertrud Grins
Der Anstoß, mich mit der NS-Zeit in Arsbeck zu beschäftigen, kam vom Stadtarchiv Wegberg. Der Leiter, Herr Düren, rief mich 2015 an, weil er Anfragen aus Köln und Münster zum Verbleib der Familie Stiefelhagen vorliegen hatte. Er wollte wissen, ob es stimme, dass meine Eltern während des Zweiten Weltkrieges im selben Haus in Arsbeck wohnten wie  Familie Stiefelhagen. Das konnte ich bestätigen.
Was aus der Familie Stiefelhagen geworden ist, das konnte ich spontan nicht beantworten.
 
Mein Gehirn begann zu arbeiten. Ich erinnerte mich an Details, die ich als Drei- oder Vierjährige nicht bewusst erlebt haben konnte, die wohl in der frühen Nachkriegszeit erzählt wurden. Aber stimmte das eigentlich, was mir in den Kopf kam?

Das wollte ich überprüfen und begann bei meinen Gängen durchs Dorf, die alten Arsbeckerinnen und Arsbecker zu befragen.
 
Wer in Arsbeck das Dritte Reich und die Nachkriegszeit miterlebt hatte, reagierte auf die Frage: Was sagt dir der Name Stiefelhagen? normalerweise mit einer Gegenfrage:
War das nicht ein Polizist? Häufig ergänzt durch ein Statement wie:  Vor dem musste man aufpassen. Der war gefährlich. Oder im Dialekt: Dat woar enne Brunne (ein Nazi). Vorr demm haue se Angst.

Heutz Mieke (geb. 1931), wusste es sofort: „Stiefelhagen, so hieß doch der Ordnungshüter, der während des Krieges bei uns tätig war.“ Und lachend erzählte sie mir, ihr Peter (89 J.) sei aus Wildenrath, der kannte den Namen nicht. Er hatte ihr berichtet, da habe jemand angerufen, der von ihr ein Paar Stiefel haben wollte.“

 Merbecks Gertrud geb. Slykermann (geb. 1926)
antwortete spontan: Stiefelhagen, der war Gendarm. Er hat bei Busch gewohnt.
Der Sohn August Stiefelhagen ist im Krieg gefallen. Für ihn wurde im Jugendheim am Helpenstein eine Totenfeier, damals sagte man Dämmerfeier, zelebriert.
Nachträglich fiel ihr noch ein: Die ersten Bomben, die vermutlich die Bahnlinie hinter unserem Hof treffen sollten, sind auf einer Wiese im Engepöhl (Flurbezeichnung) eingeschlagen. Schaden haben sie da nicht viel  angerichtet.

 Dülpers Willi (geb. 1921)
sagte mir ebenfalls: „Der Stiefelhagen, der war kein normaler Polizist, der war Gendarm.“

 Christian Stiefelhagen war tatsächlich Meister der Gendarmerie im Einzelposten Arsbeck von 1937 bis 1945.
 
Die Gendarmerie war Teil der Ordnungspolizei, die 1936 von Heinrich Himmler gegründet  wurde. Die Gendarmen waren zuständig für die Durchsetzung der Ziele der NSDAP z.B. zum Schutzhaftwesen – Wer etwas gegen den Führer sagte, wurde in Schutzhaft genommen. – und zur Kriegswirtschaft – Wer unangemeldet ein Rind oder ein Schwein schlachtete, wurde angeklagt und verurteilt. –
1945 wurde die Ordnungspolizei aufgelöst.
Gleichzeitig gab es noch die „normale“ Polizei. Herzog Hein, unser Dorfpolizist, war Arsbecker. Er war bis zu seiner Pensionierung nach dem Krieg im Polizeidienst tätig.

Ermutigt durch diese Aussagen forschte ich weiter, um herauszufinden, wie viel und was aus dieser Zeit noch im Langzeitgedächtnis von Augen- und Zeitzeugen gespeichert ist bzw. vorhanden war. Am Ende waren es 72 Personen, die ich befragt habe. Hier einige Ergebnisse:

Erinnerungssplitter
 
Dülpers Willi (geb. 1921)
Der Stiefelhagen trug bei offiziellen Anlässen einen Tschako. Mit dem Schreiben hatte er es nicht so. Als ich einmal leicht alkoholisiert meine Blase an der Kneipenecke bei Rademächers entleerte, stand er plötzlich hinter mir. Er rügte mich und, damit ich die Verwarnung ernst nahm, schlug er kurzerhand zu. Blitzschnell duckte ich mich weg, und er schlug gegen die Wand. Der Schmerz machte ihn sprachlos. Ich verzog mich schnell, erzählte den Vorfall aber zu Hause. Mein Vater forderte, ich solle mich dafür entschuldigen. Das habe ich nicht gemacht. Ich wollte mir nicht im Nachhinein eine Ohrfeige von dem herrischen Ordnungshüter einfangen. – Mein Vater hat Skat mit ihm gespielt.
 
Zohren Fritz (geb. 1910)
erzählte seinen Söhnen Heinz und Franz stolz von einem gelungenen Streich. Das traditionelle Böllern an Polterabenden – mit einer Mischung aus Carbid und Wasser, die in Milchkannen gefüllt und angesteckt wurde – war inzwischen verboten. Die Burschen wollten sich das gefährliche Gaudi aber nicht nehmen lassen. Um „de Stijävel“ zu täuschen, zündeten sie eine kleine Ladung in Petersholz, einem Ortsteil von Arsbeck, an. Er hörte das Böllern und kam mit seinem Motorrad, um das Treiben zu stoppen. Die Beteiligten hatten inzwischen alle Utensilien sorgfältig versteckt. Während er die Burschen befragte, böllerten die Freunde am anderen Ende des Dorfes ganz beherzt, wie sich das für einen Polterabend gehörte.  
 
Busch Josefa (geb. 1908)
Meine Mutter hatte mir erzählt:
Die Familie Stiefelhagen kam aus Düsseldorf. Sie hatte einen Sohn, den August, und eine Tochter, die Luise (Jahrgang 1919). August war bei der Luftwaffe. Sein Flugzeug ist abgeschossen worden. Er kam dabei ums Leben. Luise war Meldehelferin bei der Abwehr in Frankreich. Obwohl Herr Stiefelhagen mit uns im gleichen Haus wohnte, klopfte er im August 1939 nachts ganz offiziell an unser Schlafzimmerfenster und meldete die Generalmobilmachung.
Mir war der Vertreter der Obrigkeit im Haus nicht ganz geheuer. Aber Frau Stiefelhagen, die war mir sympathisch. Ich unterhielt mich gerne mit ihr. Sie hatte den Führer leibhaftig gesehen. Sie beschrieb ihn als eine Heilsgestalt, die sie zu Tränen gerührt habe.
 
Plücken Hubert (geb. 1937)
berichtete: Den Stiefelhagen sehe ich noch vor mir, mit seiner untersetzten Gestalt. Er stand bei Busch in der Haustür und winkte mir zu. – Hubert war Kunstmaler. Er hatte ein photographisches Gedächtnis. – Der war gar nicht so übel. Der ließ mich mit den Trotteln seines Säbels spielen.  
Er ergänzte:
Nazis und Verräter gab es im Dorf schon ehe der Stiefelhagen nach Arsbeck kam. Mein Vater wurde von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, am 12. August 1935 groben Unfug verübt zu haben in dem er in der Wirtschaft Mankau in Büch (Ortsteil von Arsbeck) zweimal den rechten Arm mit geballter Faust hochhob und dabei „Rot Front“ rief. Er wurde zu vier Wochen Haftstrafe verurteilt.  
Es folgte:
An  Frau Stiefelhagen erinnere ich mich auch. Sie war sehr krank. Meine Mutter hat bei der Pflege der Kranken geholfen. Ich durfte sie begleiten. Wir nahmen bei Busch den Hintereingang ins Haus. Über einige Stufen ging es links in eine Wohnstube. Ihr Bett stand rechts an der Wand. Links ging es in den Anbau mit der Küche, da war auch das Waschbecken. – Ich hielt beim Zuhören den Atem an. Was er beschrieb, sah ich vor mir.
Es war unsere Wohnung! Demnach hat Frau Stiefelhagen in unserem Wohnzimmer die letzten Wochen ihres Lebens verbracht und meine Mutter hat ihr beigestanden. Mutter  selbst hat das in meinem Beisein nie erwähnt. Auch das Folgende erzählte sie nicht mir sondern ihrer Freundin Zahres Käät.
„Ehe es mit Frau Stiefelhagen zu Ende ging, hat sie zu mir gesagt: Wenn ich im Todeskampf nach dem Priester rufen sollte, dann dürfen sie den nicht holen. Das müssen Sie mir versprechen.“
Hubert ergänzte noch:
Bei unserem letzten Besuch war das Gesicht von Frau Stiefelhagen mit einem Laken bedeckt.
 
Nießen Anneliese (geb. 1932)
fragte: „Hat der Stiefelhagen nicht bei euch gewohnt?“ Ich nickte. Sie, Frau Stiefelhagen, sah ich auch des öfteren ehe sie starb . Sie wurde auf unserem Friedhof mit großem Pomp beigesetzt.  Da waren die  Luise, die Tochter und August, der Sohn, noch dabei. August war bei der Luftwaffe. Er ist über Frankreich abgeschossen worden.
Als auf einem Feld nahe der Neustraße (heute Helpenstein Straße) ein britisches Flugzeug abgestürzt war, liefen wir Kinder neugierig zur Absturzstelle. Der Pilot war tot. Herr Stiefelhagen musste stundenlang Wache an dem Wrack halten. Die Erwachsenen hatten ein wenig Mitleid mit ihm. Kurz vorher hatte man ihm nämlich mitgeteilt, dass sein Sohn in Frankreich abgeschossen wurde und dabei ums Leben kam.
Anmerkung: Flugzeug und Erkennungsmarke von August Stiefelhagen wurden in Südfrankreich 2014 aus dem Moor geborgen.
 
Müsch Käthi (geb. 1920)
war es besonders wichtig zu erwähnen: Nach 1945 war Luise Stiefelhagen die erste, die das Hakenkreuz vom Grabstein der Mutter entfernen ließ.
 
Grins Gertrud (geb. 1939)
Nach dem Krieg kam Luise Stiefelhagen – eine stattliche Person, städtisch elegant – zu uns einkaufen. Meine Mutter verkaufte Farben und Tapeten. Ihre Stimme war auffällig rau. Sie wohnte bis 1953 in Arsbeck am Heideweg in einer Behelfsunterkunft.
 
Wolf Willi (geb. 1931)
Zu den Treffen der Hitlerjugend ging ich mit gemischten Gefühlen. Unser Scharführer, der Jansen (Plöcke) Herbert, spielte sich gerne auf. Er ließ uns antreten, marschieren, laufen und kommandierte zwischendurch immer wieder: Hinlegen! Auf! Marsch, Marsch! Bei einer dieser Übungen näherten wir uns dem Waldrand. Ich lief, ohne auf sein Kommando zu hören Richtung Dassenberg und kam am Düfelsberg (beides sind Flurbezeichnungen) zurück auf die Straße B 221. Zufällig fuhr mein Vater vorüber. Ich stieg in seinen Lastwagen und entzog mich so der Übung. Der Vorfall blieb folgenlos.
 
Gisbertz Ernst
(geb. 1931)
Ich hasste es, zu den Treffen der Hitlerjugend zu gehen. Der Scharführer, Herbert Jansen, trug in erheblichem Maße dazu bei. Seine Befehle: Hinlegen! kamen besonders oft vor Pfützen. Als er zum wiederholten Mal forderte, uns in den Matsch zu schmeißen, packte mich die Wut. Ich griff ihn mir und schlug zu. Der Vorfall blieb nicht folgenlos. Ich wurde verwarnt und aus der Hitlerjugend verbannt.

Staatsmacht und Kirche

Wolf Willi (geb.1931)                                                                                     
Ich war Messdiener. Wir spielten auf einer Wiese am Mailandweg mit Pastor Scheidt Fußball. Da kam der Stiefelhagen auf seinem Pisspiske, Pisspiske nannten wir sein Motorrad, das war vermutlich eine 98 ccm NSU Quick. Er befahl uns, das Spiel abzubrechen und nach Hause  zu gehen; das Grundstück hätten wir widerrechtlich betreten.
 
Gisbertz Ernst (geb. 1931)
Pastor Scheidt hatte mit uns Messdienern eine Fahrradtour zum Hariksee geplant. Als wir mit unseren Fahrrädern aufbrechen wollten, erschienen Polizist Herzog und Gendarm Stiefelhagen. Sie stoppten uns, kontrollierten die Fahrräder auf Verkehrstüchtigkeit und erstatteten Anzeige wegen Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung.
Auf dem Amt in Wildenrath musste jeder von uns 10,00 Reichsmark Strafe zahlen. So endete unser Ausflug ehe er richtig begonnen hatte.
 
Meyer Maria (geb.1931)
Fronleichnam 1943 waren die Häuser geschmückt, die Fähnchen im Wechsel mit jungen Birken aufgestellt, die Blumen gestreut. Vier Altäre waren auf dem Prozessionsweg aufgebaut. Am Wegekreuz Mailandweg – Heiderstraße hielt Herr Stiefelhagen die Gläubigen an. Er kroch quasi unter den „Himmel“ (Stoffbaldachin), näherte sich dem Pastor, der die Monstranz mit dem Allerheiligsten trug, und hielt ihm den Ablehnungsbescheid für den Zugweg, bei der traditionellen Feier vor Augen. Diese Pietätlosigkeit rief Empörung hervor. Die Prozession musste umkehren. Das haben viele dem Stiefelhagen angelastet und ihm krumm genommen.

Busch Josefa (geb. 1908)
Meine Mutter erzählte mir ergänzend dazu:
Kaum war der Stiefelhagen mit seinem Motorrad verschwunden, kamen die Frauen aus den Häusern. Aber nicht um den Hausaltar abzubauen, sie formierten sich, zumeist in Kittelschürzen, zu einer eigenen Prozession. Laut betend zogen sie zur Kirche.
 
Die kirchenfeindliche Aktion ist nachweislich geschehen. Antrag auf Genehmigung der Veranstaltung und die Ablehnung sind aktenkundig. Ebenso eine Beschwerde Stiefelhagens über das regelmäßige Läuten der Kirchenglocken.
 
Zum Thema „Schwarzschlachten“
 
Wolf Johanna geb. Bodden (geb. 1932)
Familien, die einen Stall  hatten, der groß genug war, ein Schwein darin aufzuziehen, die machten das damals. Wir auch. Allerdings kam einmal die Woche ein Vertreter der NSV =  Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, um die Küchenabfälle einzusammeln. Die verfütterten die meisten Leute aber an ihr Schwein. Nur widerwillig  gaben sie Kartoffelschalen und Gemüsereste aus dem Garten ab.
Ich erinnere mich an ein Spottlied, das wir Kinder schnell lernten.
Nach der Melodie von Heidewitzka Herr Kapitän sangen wir:
Heidewitzka die NSV
Sammelt Äepelsschale fürr die decke Sau
Herrmann Jöring kritt dat Pänzke
Dokter Jöbbels kritt dat Schwänzke
Adolf Hitler, dä kritt de Buuk
Un domet es dat Stökse ut.

Meine Mutter erschrak, als sie mich so singen hörte. „Das will ich nicht mehr von euch hören!“, ermahnte sie mich und meine Schwestern.
 
Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) war eine Nebenorganisation des Winterhilfswerkes. Ihre Vertreter sammelten Spenden ein. An arme und kinderreiche Familien verteilten sie kleine Gaben.
 
Wie gefährlich ein „falsches“ Wort sein konnte, hat Küsters Adam zu spüren bekommen. Den haben sie abgeholt und ins Gefängnis gesteckt, weil er in der Kneipe zu sagen wagte:
„De Kreech duert net mi:er lang.“

Müsch (Veie) Christine (geb. um 1912)
Marlene, ihre Tochter, wusste von einem Zusammenstoß, den ihre Mutter mit dem Stiefelhagen hatte. Sie war abends ohne Licht durchs Dorf geradelt. Ihr Fahrrad hatte, wie die meisten Fahrräder damals, keinen Dynamo. Die Carbidlampe anzuzünden war ihr zu lästig. Aus dem Dunkel stand der Ordnungshüter plötzlich vor ihr. Alle Mängel am Fahrrad stellte er akribisch fest. Beließ es aber dann doch bei einer mündlichen Verwarnung.
 
Er kontrollierte auch die strikte Einhaltung der Verdunkelungspflicht. Wehe aus einem Fenster kam Licht, wenn er abends durchs Dorf ging. Gleich gab es eine Verwarnung. Er verbreitete wirklich Angst und Schrecken. Ludger Lehnens Mutter erwähnte das des öfteren.
 
Schlimmer war aber das Schwarzschlachten, es galt als Verstoß gegen die Kriegswirtschaft und die Veterinärverordnung.
Wenn der Stiefelhagen davon erfuhr, kannte er kein Pardon. Normalerweise hielten die Nachbarn dicht. Denn, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, erhielten sie eine Schüssel Tüt (Panhas), oben drauf lagen ein Stück Bratwurst und ein kräftiger Stich Schweineschmalz. Das war das damals übliche Schweigegeld.
Trotzdem wurde meine Mutter – sie verkaufte in einer Metzgerei in Klinkum schwarzgeschlachtetes Schweinefleisch  – einmal verpfiffen und zu einer Haftstrafe verurteilt. Mein Vater als Soldat im Heimaturlaub durfte sie nicht besuchen. Er weigerte sich zur Front zurückzukehren, wenn er sie nicht zu Gesicht bekäme. Das half. Er durfte sie sehen.
 
Rick Hildegard (geb.1943)
Meine Mutter ist auch wegen Schwarzschlachtens angeschwärzt worden. Sie sollte als Bäuerin verurteilt und entsprechend bestraft werden. Sie fuhr mit meinem Bruder und mir zur Landwirtschaftskammer nach Bonn. „Hier bin ich. Ich bin Kriegerwitwe und habe diese beiden Kleinen zu versorgen. Wenn Sie mich einbuchten wollen, dann müssen Sie den Hof und die Kinder übernehmen.“
Daraufhin wurde das Verfahren eingestellt. Kriegerwitwen genossen Respekt.
 
Gotzen Else (Krell Elsi, geb. 1928)
wusste, dass ihr Onkel eines Nachts vom Stiefelhagen gestellt wurde. In seinem Karren lagen die Schweineschinken aus der Pökellage, die bei Kehren Jüng (Klinkumer Straße) geräuchert werden sollten. Natürlich war das Schwein schwarzgeschlachtet worden.
Welche Strafe folgte, konnte sie nicht mehr erinnern.
 
Wolf Willi (geb. 1931)
Wir mussten die Schlachtung unseres Schweines anmelden. Mein Onkel war ja der Dorfpolizist. Die zu entrichtende Abgabe hing vom Gewicht des Schweines ab. Aus unserem ausgewachsenen fetten Schwein wurde mit Hilfe des Veterinärs ein „Kümmerling mit Knochenweiche“. Das enthob meine Eltern von der Abgabe.   

Das Kriegsende naht

Gotzen Else
(geb. 1928) – Krell Elsi
Wann die Luftmine in Arsbeck fiel, das kann ich dir deshalb genau sagen, weil drei Tage vorher Frau Breuer in unserem Haus entbunden hat. Das war am 17. Mai 1944. Mutter und Kind wurden von uns versorgt. Normalerweise stand das Baby-Körbchen mitten im Zimmer. Aus irgendeinem Grund hatten wir es kurz bevor die Bomben fielen weggestellt. Das rettete der Kleinen wahrscheinlich das Leben, denn bei den Erschütterungen fiel ein großer Teil des Putzes von der Zimmerdecke. Es war ein Wunder.
Rauschen Heinz (geb. 1930)
Als im Mai 1944 die Luftmine in der Kampstraße bei Nolten fiel, wurde unser Haus von der Druckwelle stark beschädigt. Mein Bruder Leo und ich lagen im Obergeschoss unter den Trümmern, waren aber nicht verletzt. Unsere hochschwangere Mutter war durchs Zimmer geflogen, sie hatte auch einige Schnittverletzungen. Herr Stiefelhagen erschien. Er kümmerte sich. Er stellte einen Dachbalken auf, daran sollten wir herunterrutschen. Das machten wir. Aber wir baten ihn, den Balken zu drehen,  weil wir uns sonst an den herausragenden Nägeln verletzt hätten. Kaum war ich unten, bekam ich den Auftrag das Haus zu bewachen, damit nichts gestohlen würde.
Feuser Hanni (geb. 1931)
Der Stiefelhagen, der war in Ordnung. An den erinnere ich mich gut. Der kam öfter zu meinem Onkel in die Kneipe Er schaute sich im Gastraum um: „Herr Breuer, Sie müssen morgen mit einer Kontrolle rechnen. Schauen Sie zu, dass alles einwandfrei ist!“  und er warf einen Blick in die Küche. „Gut so!“, war sein Kommentar.  Derweil hockte ich im Schrank unter der Spüle und entging seinen wissenden Augen. Bei Kontrollen musste ich mich verstecken, denn offiziell gehörte ich zu den Personen, die evakuiert worden waren.  
Kleyer (Wömmisch) Gertrud (geb. 1931)
Mein Onkel und die beiden Tanten waren in unserer Bäckerei tätig. Kurz vor Kriegsende wurden sie dienstverpflichtet. Mein Vater war schon lange Soldat. Die Bäckerei wurde von meiner Mutter weitergeführt, so gut sie eben konnte. Ich gehörte zu der Altersgruppe, die eigentlich aus Arsbeck evakuiert wurde. Da kam der Stiefelhagen und entschied: Das Kind bleibt hier bei seiner Mutter, die ist unabkömmlich. Erst in den letzten Kriegswochen vertrieb man uns dann doch noch.
N.N. (geb. 1933)
Zunächst wollte meine Mutter sich vor der angeordneten Evakuierung drücken. Gendarm  Stiefelhagen besuchte jedes Haus. Er erzeugte so viel Druck, dass meine Mutter schließlich zum Abtransport bereit war.
Mein Bruder Theo (Jahrgang 1929) war 1943 zur Wehrertüchtigung einbestellt worden. Er musste sich in dem Lager einfinden, das für den Reichsarbeitsdienst im Bereich der Landwehr in Arsbeck-Büch (heute Städtischer Kindergarten) errichtet worden war. Gleichaltrige aus den umliegenden Dörfern wurden mit ihm dort kaserniert.  
Am 10. September 1944 wurde eine Gruppe der Burschen zum Arbeitseinsatz zur Sankt-Ludwig-Straße hinter dem Dalheimer Bahnhof abkommandiert. Sie schritten in Formation. Die Spaten auf ihren Schultern glänzten in der Sonne. Beim Geräusch eines nahenden Flugzeuges wollten sie sich im Wald verstecken. Sie wurden als Memmen beschimpft und zum Weitermarschieren aufgefordert.
Bei dem feindlichen Luftangriff starben vierzehn von ihnen.
Mein Bruder konnte fliehen. Er kam gerade noch rechtzeitig zum Bahnhof, um den Sonderzug nach Borghorst/Westfalen zu erreichen, in dem Mutter mit uns saß. Bei den Zugkontrollen versteckte er sich auf der Toilette, immer in der Angst entdeckt und als Fahnenflüchtiger erschossen zu werden.
Gotzen Else ( Krell Elsi, geb. 1928)
Nach dem Bekanntwerden des tödlichen Angriffes auf die Hitlerjungen am Dalheimer Bahnhof im September 1944 muss im Wehrertüchtigungslager Panik ausgebrochen sein. Eine Gruppe Jugendlicher in Uniform lief mit Angstschweiß im Gesicht an unserem Haus vorbei Richtung Wegberg. Das konnten wir beobachten, weil wir uns der Evakuierung entzogen hatten. Wir hielten die vorderen Blendläden geschlossen, als wären wir nicht im Haus. Sobald wir ein Geräusch hörten, versteckten wir Kinder uns im Kleiderschrank.
Aber zum Schluss mussten wir Arsbeck doch verlassen.
Wir zogen zu Verwandten nach Holtum. (Für diesen Ortsteil von Wegberg galt der Räumungsbefehl nicht.) Eine Woche vor Ostern 1945 kamen wir nach Hause zurück.
Nießen Anneliese (geb. 1932)
Nach dem tödlichen Angriff auf die Hitlerjungen standen wir an der Kirche zusammen und sprachen über das Unglück. Da hielten Radfahrer, die von uns wissen wollten, wo man fahren müsse, um zum Raky Weiher und zur „Schüer“ zu kommen. Wir schluckten, wussten was das bedeutete und waren voller Mitgefühl für die Eltern, die ihre toten Söhne identifizieren mussten.
Wolf Willi (geb. 1931)
Nach dem Angriff auf die Hitlerjungen wurden die Toten in „De Schüer“ am Raky Weiher gebracht. Sie lagen dort in zwei Reihen. Bewacht wurden die Leichen von Herzog Hein. Wir Kinder liefen neugierig dort hin, ließen uns auch nicht so schnell vertreiben. Die Angehörigen waren informiert worden. Sie sollten die Toten identifizieren. Ich habe das verzweifelte Schluchzen der Mütter noch in den Ohren, die neben ihren Kindern knieten und nicht fassen konnten, dass sie tot waren.
 
Einige Tage vor dem folgenschweren Angriff vom 10. September hatte sich einer der Jungen aus dem Wehrertüchtigungslager von der Bücher Eisenbahnbrücke auf die Gleise vor einen Zug gestürzt. Den Leichnam habe ich gesehen. Er war zweigeteilt. Ein Arm war von der Abdeckplane nicht bedeckt. Es hieß damals, der Junge sei so gedemütigt worden, dass er keinen anderen Ausweg sah. Seine Schuhe fand man fein ordentlich abgestellt vor dem Geländer.
 
Dass ein Heizer auf der Lokomotive zwischen Dalheim und Arsbeck von einem Jagdbomber mit fünf Schüssen getötet wurde, davon wurde damals auch gesprochen. Das war am 03.09.1944.
Plücken Hubert
Um der Evakuierung zu entgehen, hatten wir uns in einem Bunker am Rand vom Heuchter Bruch versteckt. Wir wurden entdeckt und mussten in einer Stunde das Haus verlassen. Unser Ziel war Kipshoven (auch Wegberg). Wir wohnten in der Bäckerei Engels bis die Amerikaner anrückten.
Gisbertz (Lind) Ernst (geb. 1931)
Nachdem eine Bombe explodiert war, liefen mein Vater und ich auf die Straße. Im Birnbaum unserem Haus gegenüber hing ein Fallschirm. Dem Fallschirmspringer gelang es, sich daraus zu befreien. Er lief auf uns zu und fragte in korrektem Deutsch: Wie komme ich von hier zur Grenze? Wo liegt das das Kloster St. Ludwig? Vater sagte: „Zeig ihm den Weg!“ Ich ging ein Stück mit ihm Richtung Burghof. Von dort konnte er durch den Wald unbemerkt in die Niederlande entkommen.
Am nächsten Morgen standen Gendarm Stiefelhagen und Polizist Herzog vor unserer Tür. Irgendjemand aus der Nachbarschaft muss mich gesehen und angezeigt haben. Sie nahmen mich mit aufs Amt zum Verhör. Ich hätte Deutschland verraten, weil ich dem Feind den Weg ins Ausland gewiesen hatte, behaupteten sie. Einen Tag und eine Nacht hielten sie mich in Wildenrath fest. Dann durfte ich zurück nach Hause. Ich war ja erst 12 Jahre alt. Sie gaben mir ein Schriftstück mit in dem stand: Ich sei nicht wert, ein deutscher Junge zu sein.
Merbecks (Slykermann) Gertrud (geb. 1926)
Am 28. Febr. 1945 rückten die Amerikaner ein. Damals waren noch ca. 60 Personen in Arsbeck. Die wurden bei Gotzen (Jäajesch Mattes) auf der Bücherstraße zusammengetrieben.
Eine Gruppe aus Büch war bei Gisbertz (Ida-Marie) auf der Heiderstraße kurzzeitig interniert, erinnerte sich Johanna Wolf. Ihre Ziege sei hinter ihnen her gelaufen. Sie habe so lange jämmerlich gemeckert, bis ihre Mutter sie melken durfte.
Rick Gottfried (geb.1941)
Stiefelhagen, natürlich sagt mir Stiefelhagen etwas. Wir hatten eine Kuh, die so hieß.
Und das ist die Geschichte dazu:
Die aus dem Selfkant abrückende Wehrmacht hatte zur Versorgung der Soldaten Kühe eingefangen. Sie gehörten zum Tross. Eines der Viecher hatte sich beim Abmarsch aus Arsbeck dem Befehl entzogen. Herr Stiefelhagen fing das Tier ein und brachte es zum Melken zu meiner Mutter. „Käthchen, stelle die Kuh zu den euren in den Stall.“ sagte er. Mutter schaute ihn ungläubig an. „Schon gut, dafür komme ich mir jeden Abend einen Liter Milch holen.“ Das tat er bis Kriegsende. Danach war er weg. Die Kuh blieb.
Ein edles Tier, das uns viele Nachkommen schenkte.

Resümee:
Die Befragten haben mir mehr erzählt, als die Ausgangsfrage erwarten ließ. Ich habe es dokumentiert. Leider ist es mir nicht gelungen, ein scharfes Bild von Gendarm Christian Stiefelhagen aus den Puzzleteilen zusammenzusetzen. Entstanden ist ein Fragment, in dem eine gewichtige Person mit herrischem Auftreten auch menschliche Züge trägt.
Ein Stück unserer Dorfgeschichte wurde für mich lebendig.

Historischer Verein Wegberg e.V. - 20.08.2026 - Letzte Änderung: 20.08.2026

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