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Montag, 17.06.2019 - Besuch des neu eröffneten Bischöflichen Diözesanarchivs in Aachen

Seit dem 28. Mai 2018 befindet sich das Bischöfliche Diözesanarchiv in einem neu errichteten Archivzweckbau in der ehemaligen Pfarrkirche St. Paul an der Jakobstraße 42 im Stadtzentrum von Aachen. Nur knapp vier Wochen nach Einzug stand der Lesesaal des Archivs zur Nutzung bereit. Die feierliche Eröffnung und Einsegnung fand am 5. September 2018 statt. Ebenfalls sind in den neuen Magazinen die Bestände des Domarchivs untergebracht.
Anlass genug, für die Ahnen- und Familienforscher des Arbeitskreises Wegberg-Erkelenz einen Besuch des Archivs zu planen und bei der Leiterin, Frau Dr. Beate Sophie Fleck, eine Führung zu beantragen.

Vor der Führung durch das Archiv war noch etwas Zeit für eine kleine Rundfahrt durch Aachen und so konnten einige bedeutsame Punkte der Aachener Stadtgeschichte besucht werden, hier das Teufelsdenkmal auf dem Lousberg.

Bischöfliches Diözesanarchiv – Geschichte und Auftrag

Das Bischöfliche Diözesanarchiv wurde 1934 gegründet. Als historisches Gedächtnis des 1930 gegründeten Bistums Aachen dokumentiert es aktuell in 530 Beständen das Wirken der katholischen Kirche seines Sprengels und stellt Interessierten die Archivalien im Lesesaal zur Einsichtnahme bereit. Durch die Übernahme u.a. diverser Pfarrarchive reicht seine Überlieferung aber bis ins 13. Jahrhundert, in einzelnen Fragmenten sogar bis ins 9. Jahrhundert zurück.
Das Diözesanarchiv war zuvor im Generalvikariat am Klosterplatz untergebracht. Auf Grund von Sanierungsarbeiten musste ein neuer Standort gesucht werden. Zudem boten die Archivmagazine kaum noch Platzreserven für die zwei Kilometer Archivgut, die wachsenden Neuzugänge und die Bestände des eigenständigen Domarchivs. Dieses befindet sich im Besitz des Domkapitels und umfasst das Stifts- und Propsteiarchiv sowie das Archiv des Domkapitels mit Dokumenten aus der Geschichte der Aachener Marienkirche, u.a. der Domschatzkammer und Dombauleitung.

Die Archivleiterin, Frau Dr. Beate Sophie Fleck, begrüßte ihre Gäste vor dem Kirchengebäude der ehemaligen Pfarrkirche St. Paul an der Jakobsstraße.

In ihrer Einführung beleuchtete sie die wechselhafte Geschichte des Kirchenbaues im Zusammenhang mit den verschiedenen Epochen der Aachener Stadtgeschichte.


Ehemalige Pfarrkirche St. Paul in Aachen

Ergänzend zum Fotobericht
gibt es eine
> Bildergalerie.

Die Ursprungskirche gehörte zum Komplex eines Dominikanerklosters. Die Dominika- ner hatten 1294 in Aachen eine Niederlassung gegründet.
Eine erste Erwähnung der Kirche stammt aus dem Jahr 1339. Der vorhandene Hallenbau stammt aus der Spätgotik, das noch vorhandene Renaissance-Portal ist aus dem Jahr 1705.

Ehemalige Pfarrkirche St. Paul in Aachen, Chor und Pfarrheim, Ansicht von der Trichtergasse

Ehemalige Pfarrkirche St. Paul in Aachen, Ansicht von der Jakobstraße

Frau Dr. Fleck wies auf das Fehlen eines Turmes hin: Die auf Demut und Bescheidenheit zielenden Orden der Zisterzienser, Dominikaner und Franziskaner hätten ein Verbot von Kirchtürmen ihrer Kloster erlassen.

Bei dem großen Stadtbrand im Mai 1656, der in einer Bäckerei an der Jakobstraße ausbrach, erlitten das Kloster und die Kirche großen Schaden. Doch die Mönche ließen sich nicht entmutigen und bauten ihr Kloster und die Kirche wieder auf. Auch das charakteristische Rosenkranzportal wurde im Zuge des Wiederaufbaus 1705 errichtet, wie eine Jahreszahl auf dem Torbogen als auch ein Chronogramm über dem Torbogen bekunden. Es stand damals unmittelbar an der Straßenfront der Jakobstraße und bildete den Eingang zum Klosterkomplex. Bei Umbaumaßnahmen in 1966/67 wurde es nach hinten vor das Seitenschiff der Kirche versetzt.

Denkmal für die Ordensgründerin Franziska Schervier aus Aachen. Die Bronzeplastik wurde 1976 von Hubert Löneke geschaffen und zeigt Franziska gemeinsam mit einem Bettler.

Das Rosenkranzportal aus dem Jahr 1705 bildete früher den Eingang des Klosterkomplexes.

Das Chronogramm über dem Torbogen: aus C M I I II D C I wird MDCCIIII = 1705

Während der napoleonischen Zeit wurde das Kloster 1802 aufgelöst. Um die Kirche vor der Säkularisation zu bewahren, wurde sie kurzerhand zur Pfarrkirche erklärt und die dazugehörige Pfarre St. Paul gegründet.
Das einschneidendste Ereignis war wohl die erneute Zerstörung der Kirche in der Bombennacht vom 13. auf den 14. Juli 1943: Die gesamte Kirche brannte aus. Es blieben nur die Umfassungsmauern und vier Meter hohe Schuttberge. Anhand einer Fotoausstellung konnte Frau Dr. Fleck den Zustand vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg anhand großformatiger Innenansichten zeigen und die fast vollständige Zerstörung durch einen Bombenangriff im Juli 1943.
Der Wiederaufbau von St. Paul fand von 1951 bis 1955 statt. Der Innenraum wurde als Hallenkirche konzipiert und erhielt ein modernes Aussehen mit schlanken Stahlstützen und mit einer Dachkonstruktion als Stahltragwerk. Eine abgehängte Decke aus Putz wurde separat eingehängt.

Zu Ostern 2009 wurde in St. Paul von Pastor Franz Josef Radler und Pastor Ruprecht van de Weyer die letzte Messe gelesen. Viele Kirchenbesucher empfanden die Fusionslawine im Bistum als „aufdiktierten Schlag ins Gesicht”. Die Aachener Zeitung vom 13. April 2009 zitierte weiter: „Monsignore Ernst-Wilhelm Nusselein, viele Jahre mit Leib und Seele ein echter Paulaner, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er diese Schreckensbotschaft hören könnte und wüsste, was aus seiner Pfarre geworden ist”.
Zum Jahresende 2009 wurde die Pfarre St. Paul zusammen mit den Pfarren Heilig Geist, St. Adalbert, St. Andreas, St. Folian, St. Marien und St. Peter aufgelöst und zur Pfarre Franziska von Aachen zusammengefasst. Namenspatronin der neu gegründeten Pfarre wurde Franziska Schervier (1819-1876), der Ordensgründerin aus Aachen.
Franziska Schervier (1819-1876) war die Tochter des Aachener Nadelfabrikanten Johann Heinrich Schervier (1784–1845). Ihr Taufpate war Kaiser Franz I. von Österreich. Sie trotzte der sozialen Stellung ihrer Familie und brach mit den Konventionen ihrer Zeit. Bereits früh erkannte sie die Probleme der sozialen Randgruppen in der aufstrebenden Industriegesellschaft und zeigte ein ausgeprägtes soziales Engagement. 1851 gründete sie den Orden der „Armen Schwestern vom heiligen Franziskus“.
Seit 2016 ist die Kirche St. Paul profaniert und wurde bis zum Beginn der Umbauarbeiten u.a. als Veranstaltungsort und Konzertstätte genutzt.

Neubau für das Diözesanarchiv


Der Zugang zum Archiv erfolgt über den Kircheneingang an der linken Giebelseite.

Als neuer Standort für den Archivbau wurde die profanierte Kirche St. Paul an der Jakobstraße gewählt. Das neue Archiv befindet sich somit wie zuvor in der Aachener Innenstadt in unmittelbarer Nähe zum Generalvikariat und zum Dom.
Für die Umnutzung der Kirche St. Paul und die Planungen für das neue Diözesanarchiv sollte so wenig wie möglich in die Bausubstanz des denkmalgeschützten Sakralgebäudes eingegriffen werden. Hierzu wurde eine „Haus-in-Haus-Konstruktion“ konzipiert, ein deutschlandweit einmaliges Projekt: In das mittelalterliche Kirchenschiff sollte ein Kubus aus Stahlbeton und Glas gesetzt werden. Dieser sollte einerseits die konservatorischen Bedingungen für die dauerhafte Unterbringung des wertvollen Archivguts gewährleisten und dabei andererseits bewusst im Kontrast zum mittelalterlichen Kirchenbau stehen. Geplant wurde der Umbau von dem Architekturbüro Schoeps & Schlüter aus Münster in Kooperation mit dem Bistumsarchitekten Peter Schumacher.
Als beim Rückbau der Bodenplatte Gräberfelder gefunden wurden, wurden die Bauarbeiten im Beisein von Archäologen des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege fortgeführt.

Beim Betreten der Kirche bot sich der Besuchergruppe ein zunächst überraschender Anblick. In die alte Bausubstanz war im Bereich des ehemaligen Mittelschiffes ein mächtiger, fast schon futuristischer Kubus aus Stahlbeton errichtet worden mit einer Länge von 25 Metern, einer Breite von 11 Metern und einer imposanten Höhe von zehn Metern. Der dreigeschossige Kubus ruht auf zehn Fundamentpfählen. Diese wurden im Bereich der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Steinsäulen 18 Meter tief in den Boden getrieben.
In den beiden unteren Geschossen befinden sich die Magazinräume, in denen die Handschriften, Urkunden, Akten, Pläne und Fotos sowie die Archivbibliothek des Diözesanarchivs untergebracht sind und die insgesamt Platz für ca. 5,5 km Archivgut bieten. Gesondert sind dort auch die Bestände des eigenständigen Domarchivs untergebracht. Im dritten Geschoss befinden sich die Büroräume und ein Lesesaal, der acht Arbeitsplätze umfasst und jeden Mittwoch und Donnerstag ganztägig geöffnet ist.

Der dreigeschossige Kubus beinhaltet auf zwei Geschossen Urkunden und Akten mit besten Sicherungsmaßnahmen und einer fortschrittlichen Klimatisierung. Im dritten Geschoss befinden sich Büroräume und der Lesesaal.

Frau Dr. Fleck informierte über die Konzeption und Umsetzung des Neubaus des Archivs innerhalb der ehemaligen Pfarrkirche St. Paul.

Durch Öffnungen zum Kirchenraum kann man einen Blick auf die bunten Außenfenster werfen.

Anschließend führte Frau Dr. Fleck die Gruppe durch das neue Archiv einschließlich der sonst nicht zugänglichen Magazine mit hohen funktionalen Regalen. Hierbei erläuterte sie auch die speziellen Sicherheitseinrichtungen.

Die engen Archivräume sind wahrlich nichts für Leute mit Platzangst.

Eine spezielle Lüftungsanlage wurde installiert, bei der die relative Luftfeuchtigkeit mit Hilfe der Temperaturregelung gesteuert werden kann. Die Archivräume sind in Segmente eingeteilt mit einzelnen Brandschutzwänden und einer automatischen Brandmeldeanlage.
Zusätzlich entstand ein Spezialarchiv für besonders wertvolle Archivalien, das durch eine Gaslöschvorrichtung gesichert ist, bei der sogenannte Inertgase (Kohlendioxid/CO2, Stickstoff und Argon) im Ernstfall den Luftsauerstoff verdrängen und ein Feuer ersticken.

Frau Dr. Fleck zeigte den Buchern auch Teile der besonders geschützten Archivilien, hier eine Urkunde aus dem Jahr 1472.

Lesesaal des Bischöflichen Diözesanarchivs

Dann ging es in das dritte Geschoss des Archivbaus und damit in den Lesesaal, somit zum Höhepunkt der Führung. Frau Dr. Fleck gab eine Einführung in die Bestände des Archivs und dessen Nutzungsmöglichkeiten. An acht Arbeitsplätzen ist an jedem Mittwoch und Donnerstag von 9.00 bis 17.00 Uhr das Aktenstudium möglich.
„Jedes Bistum ist zu einem Diözesanarchiv verpflichtet“, erklärte Frau Dr. Fleck. „Es dient der Rechtssicherheit und der genealogischen Forschung.“ Tauf-, Trau- und Sterbebücher schreiben Gemeindegeschichte, selbst die Baupläne früherer Vorhaben und die Sterbezettel der Bischöfe kann man nachlesen und anschauen.

Die Ahnen- und Familienforscher waren sehr angetan, was ihnen Frau Dr. Fleck dort bereits vorbereitet hatte und präsentierte: Diverse Archivalien aus dem Raum Erkelenz und Wegberg: Notarsverträge, Akten, Fotos, Urkunden, Baupläne.

Interessant bei diesem Plan: Durch Aufklappen wurden verschiedene Planungs-Varianten sichtbar.

Urkunde U 796, Dat Findbuch: 30.11.1550, Titel: Die Schöffen von „Berck“ (= Wegberg) bekunden: Junker Trutgher Pollert und Ehefrau Elisabeth bekennen, dem Peter Pawels „zo Berck“ und dessen Ehefrau Aellytghen 100 Taler zu schulden. Die Schuldner verpfänden die Wiese („kamp“) gen. „dij fortmoellen kamp“. Die Kreditgeber sollen diesen zunächst auf sechs Jahre haben. Die Schuldner zahlen als Pacht ½ Gulden. Danach haben die Verkäufer ein Rückkaufrecht, das sie ¼ Jahr zuvor anmelden müssen. Stirbt einer der beiden Kreditgeber, erhät der andere Ehepartner die Schuldverschreibung.

Urkunde U 983, Dat. Findbuch: 28.02.1523, Titel: Notariatsinstrument des Wymmers von Erkelenz, Priester der Diözese Lüttich und öffentlicher Notar bekundet: „Godefridus de Holfelt“, Einwohner von Jülich, bestellt urkundlich seine Unterhändler und Prokuratoren, Jacob Krell, Cristopher Roothan und Johannes Thrach, Drs. Jur und Advokaten des Reichskammergerichts, im Appelationsverfahren gegen Jacob Quinckertz. Zeugen: Heinrich von Clermont und Ludwig Orhysen, Bürger zu Aachen.

Aus dem Bestand Handschriften: Ölrentenverzeichnis der Pfarrkirche Erkelenz, 1598- 1651, Pergamentband, 16x11cm

INFO:
Eine Beständeübersicht findet man als download unter:
https://www.bistum-aachen.de/export/sites/Bistum-Aachen/portal-bistum-aachen/
Bischoefliches-Dioezesanarchiv/.galleries/downloads/Bestaendeuebersicht-2019.02.21.pdf
Die Gesamtliste der Veröffentlichungen des Diözesanarchivs unter:
https://www.bistum-aachen.de/Bischoefliches-Dioezesanarchiv/Veroeffentlichungen/Gesamtliste/

Anschließend gab es noch reichlich Zeit, Fragen zu stellen und Informationen auszutauschen.

… und zu guter Letzt:

Der Besuch in Aachen klang aus mit einem gemütlichen Beisammensein am Markt.

Text und Layout: Hermann-Josef Heinen
Fotos: Hermann-Josef Heinen, Annemie Kammans-Feldberg und Hubert Rütten

Historischer Verein Wegberg e.V. - 17.06.2019 - Letzte Änderung: 11.07.2019

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