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Panorama Wegberg mit Burg, Forum, Wegberger Mühle, Rathaus, Pfarrkirche St. Peter & Paul

"Berker Notizen"
Unser neues Digital-Projekt zur Mitarbeit für alle Interessierte
Neuzugänge Mai 2021

03.05.2021 - Nachtrag

Schnelle Reaktion aus Niederkrüchten: Leo Gerigk teilt mit, das es eine weitere Bügelbahn in Lüttelforst gibt, die vom Verein Apollo 11 Lüttelforst e.V. betrieben wird.

Die Bügelbahn in Lüttelforst, Foto: Leo Gerigk

02.05.2021 - Die Sonntagsfrage: "Wie ansteckend ist das neue "Bügel-Virus"?"

Offensichtlich infiziert durch das Video "Das Bügelspiel", das ab am 27. April im 'Heim@kino' zu sehen ist, hat sich eine Reihe von Mitgliedern und ortsgeschichtlich interessierten Bürgern gemeldet, um das Thema "Bügeln" mit ihren Ergänzungen aus dem Wegberger Raum mit Leben zu füllen.

Dies war zunächst Vorstandsmitglied Klaus Bürger, der sich wieder an seinen Artikel im 'Berker Boten' Nr 15 erinnerte, gefolgt von Hans und Marita Langerbeins, die auf den Artikel im Heimatkalender 1982 hinwiesen. Dietmar Schmitz schickte ein Foto von der Bügelbahn in Leloh und wies auf die rege Nutzung hin. Klara Schlömer konnte ergänzen, dass es nicht nur in Leloh, sondern auch im benachbarten Fischeln eine Bügelbahn gäbe.
Herzlichen Dank auch an Helmut Beurskens vom "Bügel-Club Dorenburg e.V.", der in einem längeren Telefonat viele Hinweise beisteuerte.

Jan Steen ist für seine erzählfreudige Genremalerei berühmt, in der er Müßiggang und Laster mit einem freundlichen Augenzwinkern schildert. Überaus aufnahmefähig, verarbeitete er die verschiedensten zeitgenössischen Vorbilder wie die Gebrüder Ostade und Gerard ter Borch und bezog sich auch auf die ältere Kunst Italiens (Raffael) und der Niederlande (Pieter Bruegel).
Farbenfroher und stimmungsvoller als es eine moderne Fabfotografie vermag, hat um 1650 der niederländische Maler Jan Steen das Bügelspiel in Skizze gesetzt.
Beachten Sie auch die ursprüngliche Ringform des Bügels. Dieser wurde mit einem angeschmiedetem Keil entweder in den Boden oder in einen Eichenholz-Klotz getrieben.

Das Bügelspiel – eine alte Erwachsenenlustbarkeit
Von Klaus Bürger
(Originaltext aus ‚Berker Bote‘ Nr. 15, S. 401-403 aus dem Jahre 2001)

Das Bügeln ist ein altes Spiel, welches in unserer Zeit immer mehr in Vergessenheit gerät. In meiner Jugend gab es noch eine Bügelbahn in Leloh und unsere älteren Vereinsmitglieder können sich sicherlich noch an die Bahn bei der Gastwirtschaft Schruff in Niederkrüchten und die in Watern auf dem Hof des Geschäftes Oellers (aktuelle Anm. d. Verf.: auf dem heutigen Kinderspielplatz) am Klompenberg erinnern. Eine der ältesten Bügelbahnen in unserer Umgebung hatte die (Anm.: damalige) Gaststätte Görtz (Maanese Berb) in Klinkum, ...

Gebügelt wurde meist im Freien auf einer Bahn mit einer Abmessung von ca. 5m x 10m unter einem offenen Schuppen oder dem Laubdach alter Obstbäume. Urkundlich fand das Spiel schon im Jahre 1331 in der Historia Leodienensis, der Geschichte der Stadt Lüttich, Erwähnung und es wird auf vielen Stichen, Zeichnungen und Gemälden alter Meister abgebildet. Sogar auf dem Altarbild des Kempener Hochaltars der Probsteikirche aus dem Jahre 1513 sind Putten beim Bügelspiel.

Anm.: Das originale Foto aus dem Artikel wurde durch ein Farbfoto des Bügel-Clubs Dorenburg e.V. bei der Bügelmeisterschaft 2013 ersetzt.

Auch sieht man deutlich, dass es sich bei dem Bügel um eine Ringform handelt.

Das Bügeln war in der Vergangenheit über ganz Europa, mit Schwerpunkten in den südlichen Niederlanden, in Südlimburg und im Land zwischen Maas und Rhein, verbreitet. Während es heute im hiesigen deutschen Gebiet nur noch einige wenige Bahnen in Viersen, Grefrath, Mönchengladbach, Willich und Nettetal gibt, sind auf der niederländischen Seite im benachbarten Limburg noch über 20 Bahnen erhalten, die auch regelmäßig bespielt werden.

Zum Spiel gehören die Bahn, das Geschirr und 2 bis 4 Spieler. Ziel des Spiels ist, dass ein Spieler oder ein Spielerpaar eine vorher festgelegte Punktzahl, meist 30 Punkte, erreicht. Die o. e. Bahn besteht aus festgestampftem Lehm, bestreut mit grobkörnigem Sand, damit die Kugeln besser rollen. An der Längsseite und am Kopfende ist eine 70 cm hohe hölzerne Umrandung. Die offene Seite wird durch eine Rinne begrenzt. Etwa 2,5 Meter vom Kopfende ist der wichtige Bügel (28 cm ) im Boden verankert, der dem Spiel den Namen verdankt. Jeder Spieler hat ein Geschirr, d. h. eine Kugel (18 cm ) und eine Schüppe, auch Schläger genannt, mit dem gespielt wird.


Anm.: Wie zuvor wurde das originale Handskizze von Klaus Bürger durch eine Zeichnung des Bügel-Clubs Dorenburg e.V. ersetzt.

Nacheinander schlagen oder stoßen die Spieler ihre Kugel mit der Schüppe und haben das Ziel vor Augen, die eigene Kugel durch den Bügel zu treiben, die gegnerische Kugel durch Kollision in die Rinne zu befördern oder in eine schlechtere Ausgangslage zu bringen. Beim ersten Schlag muss der Spieler mit einem Fuß in der Rinne und mit dem anderen Fuß auf der Bahn stehen. Schlägt man seine Kugel durch den Bügel, so ergibt das 2 Pluspunkte. Gelingt es einem Spieler, die gegnerische Kugel in die Rinne zu stoßen, während die eigene Kugel auf der Bahn bleibt, sind das 2 Minuspunkte auf dessen Punktekonto. Wie beim Billard kann die Umrandung mit ins Spielgeschehen einbezogen werden.

In der früheren Zeit, als es noch nicht so viele Zerstreuungsmöglichkeiten gab, war das Spiel nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Zuschauer eine willkommene Abwechslung. Es wäre sicherlich interessant, wenn unsere älteren Vereinsmitglieder einige Anekdoten oder die Atmosphäre beim Bügeln im Вerker Boten“ schildern könnten.

Willy Corsten (mein Onkel) kann sich noch daran erinnern, dass auf der Bügelbahn bei Oellers in Watern in den Abendstunden ein Spieler immer eine 25 Watt Birne dabei hatte. Wenn dann das Spielgeschehen wegen der Dunkelheit nicht mehr zu verfolgen war, hieß es: „Pitter schruf de Bier e´ren“. Das brachte zwar auch nicht viel mehr Helligkeit, aber man konnte wenigstens die Spieler und den Bügel erkennen. Wenn ich da heute an unsere Sportplätze denke, die fast durchgängig mit Flutlicht ausgerüstet sind!

Wer jetzt Spaß am Bügeln bekommen hat und sich ein Bügelspiel ansehen möchte, setzt sich am besten mit dem Freilichtmuseum in Grefrath (Tel.: 02158/91730) in Verbindung. Dort ist eine Bahn, die regelmäßig bespielt und für Zuschauer zugänglich ist.

Literatur:
• Heimatkalender der Erkelenzer Lande 1956
• Broschüre „Durch den Bügel“ Euregio Rhein-Maas-Nord
• Das goldene Zeitalter des Herzogtums Geldern, Katalogteil ISBN 3-921760-35-6


Als zweiten Beitrag hier der Aufsatz von Hans Langerbeins. In dem Auszug aus seinem "Geschichten aus Urgroßvaters Zeiten" (HK 1982: 150-152) schildert er u.a. die Erlebnisse seines Großvaters Johann Langerbeins (*13. Nov. 1826) auf der Bügelbahn in Watern. (Vielen Dank für die Abschrift des Textes!)


Geschichten aus Urgroßvaters Zeiten
Die Bügelbahn
veröffentlicht im Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1982
von Hans Langerbeins

Gleich hinter dem Waterner Kinderspielplatz in Richtung Klompenberg liegt das Haus der verstorbenen Witwe Kohlen. In diesem ca. 200 Jahre alten Haus wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Gastwirtschaft betrieben. Die Dorfstraße (heute Mühltalweg) war damals noch nicht vorhanden. Ein Weg von Wegberg nach Tüschenbroich führte an dieser Gastwirtschaft vorbei. Viele Tüschenbroicher - Tüschenbroich hatte damals noch keine eigene Kirche - kamen auf ihrem Kirchgang nach Wegberg hier vorbei. Auch Urgroßvater benutzte diesen Weg - zwar aus anderen Gründen - oft. Sein Bruder, der die dort gelegene Gastwirtschaft betrieb, hatte eine Bügelbahn eingerichtet. Diese Bügelbahn hatte es Urgroßvater angetan.

Urgroßvater hatte Besuch bekommen – also war es naheliegend, dass Urgroßvater diese Gelegenheit benutzte, um seinem Gast die Bügelbahn zu zeigen. Konrad, so hieß der Besucher, und Urgroßvater zogen los. Zunächst wurde Konrad über Spiel und Spielregeln belehrt: „Die Bügelbahn ist ca. 4,50 m breit und 6,00 m lang. Der Boden besteht aus festgestampftem Lehm. Die Bahn ist rundum mit Holzbalken eingefasst. Im hinteren Drittel steht unmittelbar über dem Boden ein eiserner Ring von ungefähr 25 cm Durchmesser.  Durch diesen Ring muss mit Hilfe eines besonders geformten Holzschlägers eine 12 bis 15 cm dicke Kugel getrieben werden. Der Schläger - auch Schlägel genannt - ist 60 cm lang und aus leichtem Ulmenholz gefertigt. Er darf beim Spiel nur am oberen Ende angefasst werden.

Es wird einzeln oder in Gruppen gegeneinander gespielt. Gewonnen hat der oder die Gruppe, welche die Kugel mit den wenigsten Schlägen durch den Ring bis an das Ende der Bahn befördert.“

Inzwischen waren Urgroßvater und sein Gast auf der Bügelbahn angekommen. Da es Sonntag war, traf man auch einige Tüschenbroicher, die vom Kirchgang kamen, dort an. Man einigte sich auf ein gemeinsames Spiel – zwei gegen zwei. Gespielt wurde um Pfefferminzschnaps, der 5 Pfennig kostete. Konrad, der Neuling war, sollte bei den ersten Spielen zusehen.
Urgroßvater und sein Partner hatten mit je einem Schlag die Kugel bis ganz in die Nähe des Ringes gebracht. Man brauchte jetzt nur noch die Kugel durch den Ring zu schieben, und sie dann mit einem letzten Schlag an das Ende der Bahn (gleich Ziel) zu bringen. Aber hier ereilte Urgroßvater ein Missgeschick, das spielentscheidend war. Er berührte nämlich mit seinem Schlagstock den Ring. „Gekläppert“ riefen alle. Den Ring berühren war regelwidrig. Urgroßvater und sein Partner hatten die erste Partie verloren. Die beiden nächsten Spiele gewannen sie jedoch mit großem Punktvorsprung.

Konrad, der langsam ungeduldig wurde, durfte jetzt endlich mitspielen.  Obwohl Urgroßvater es nicht zugab, zeigte es sich, dass Konrad ungewöhnlich talentiert war. Jedenfalls verlor er mit Urgroßvater zusammen kein einziges Spiel.
Allmählich wurde es wärmer – die Jacken wurden ausgezogen – das Spiel ging in „Hemdsärmeln“ weiter. Zuschauer, die sich eingefunden hatten, bedachten die einzelnen Aktionen mit sachkundigen Kommentaren.
Die Mittagsglocken klangen von Wegberg herüber. Sie waren das Signal für den Aufbruch. Auch Urgroßvater und Konrad strebten dem heimischen Herd zu. Beide stimmten überein, einen unterhaltsamen Sonntagvormittag verbracht zu haben.

(Joh. Langerbeins starb am 14. November 1896 zu Uevekoven)

Anmerkung:
Diese Bügelbahn wurde bis zum ersten Weltkrieg benutzt.


Weitere Hinweise konnte Helmut Beurskens vom Bügel-Club Dorenburg e.V. in Grefrath beisteuern. Wie er schilderte, wurde der Verein 1985 gegründet. Er selber sei bereits seit 1967 aktiver "Bügeler" und er konnte auch schon einen Sohn mit dem "Bügel-Virus" anstecken. Die Mannschaft aus Grefrath hat es geschafft, den Bügelsport am Niederrhein wieder zu beleben.

Zum damaligen Zeitpunkt gab es nur niederländische Clubs, die heute unter dem Dach des Nederlandse Beugel Bond organisiert sind. Da es keinen deutschen Bügelverband gibt, nimmt der Club seit 1998 auch an der Niederländischen Meisterschaft teil.
Einen weiteren Club gibt es in Willich: BBC Willich von 1979 e.V.

Die Bügelbahn in Leloh, Foto: Dietmar Schmitz

Wir hoffen, dass Sie jetzt vom "Bügel-Virus" (und nur vom diesem) infiziert sind. Wenn Sie noch weitere örtliche Bügelbahnen kennen und über erlebte oder erzählte Geschichten berichten können, so lassen Sie es uns wissen: Am einfachsten per Mail an historischer-verein-wegberg@t-online.de

Historischer Verein Wegberg e.V. - 18.02.2021 - Letzte Änderung: 02.05.2021

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