"Tag der Archäologie 2015" des LVR in Titz-Höllen - Fotobericht von Hermann-Josef Heinen - Historischer Verein Wegberg

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Samstag, 22.08.2015 - Titz-Höllen
Tag der Archäologie des LVR


Zum 22. Mal fand am Samstag, den 22. August 2015, der „Tag der Archäologie“ in Titz-Höllen statt. Veranstaltet wurde der Tag von der Stiftung zur Förderung der Archäologie im rheinischen Braunkohlenrevier und dem Team der Außenstelle Titz des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland.
Busfahrten in den Tagesbau fanden zwar statt, jedoch nicht zu Aus- grabungen. Dafür waren die neuen Funde auf dem Gelände der villa rustica bei Borschemich , die in der Außenstelle Titz ausgestellt waren, umso interessanter.

Schwerpunkt der Ausstellung waren die Grabungen auf dem Gelände des römischen Gutshofs bei Borschemich (FR 152). Die Ausdehnung der villa rustica ist bereits größtenteils dokumentiert.

Detailkarten zeigten die Lage des Wohnhaus und der Badanlage ...

... sowie die Lage von diversen Tempeln und verbindenden Säulengängen.


Im Laufe des letzten Jahres hatten Grabungsleiter Dr. Alfred Schuler und seine Grabungstechniker Josef und Denis Franzen auf dem Gelände der villa rustica  bei Borschemich Kammergräber entdeckt. Diese sind bislang einmalig im Rheinland. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden jetzt vorgestellt.

Römische Kammergräber - im Rheinland eine Seltenheit

Bestattungen fanden in frührömischer Zeit üblicherweise durch Verbrennung statt. Die Beisetzung der Totenasche erfolgte zumeist in Urnen mit wenigen Beigaben in schlichten Erdgruben. Beisetzungen in Grabkammern aus römischer Zeit – wie jetzt in Borschemich entdeckt – hatte man zuvor im Rheinland nicht entdeckt.

Modell eines frührömischen Grabhügels
in römischer Tradition (Haltern am See), Info-Tafel LVR

Nach "Germanien" kam diese Sitte erst mit den römischen Legionären. Zwar sind Grabhügel in ganz Europa seit Urzeiten bekannt; typisch für die römischen Grabhügel ist allerdings eine umlaufende Befestigung, wie das Foto eines Modells zeigt.

Die in Borschemich entdeckten Gräber hatten vermutlich große Erdhügel. Besonderheiten sind die hölzernen Grabkammern im Inneren und deren reiche Ausstattung. Erwähnenswert ist auch, dass die Grabkammern nicht allseits fest verschlossen , sondern über einen kurzen Gang für mehrere Jahrzehnte zugänglich waren, möglicherweise für wiederkehrende Gedenkfeiern, Opferrituale oder Nachbestattungen.

So könnte beispielsweise das Kammergrab der Fundstelle 1191 ausgesehen haben.

Kammergräber sind bislang in der Moselregion, in Luxemburg und in Ostbelgien gefunden worden. Daher ist es von wissenschaftlichem Interesse, ob es eine Verbindung zwischen den (noch) nahezu isolierten Borschemicher Kammergräbern und der Grabhügelregion der Gallia Belgica gibt.

Die Karte unten zeigt die Lage der Kammergräber auf dem Gelände der villa rustica:

  • oben (braun): zwei hölzerne Grabbauten mit außergewöhnlichen Brandgräbern I-IV - Diese Gräber mit ihrem Funde wurden bereits beim Tag der Archäologie 2014 vorgestellt.

  • unten (in rot): Die im Laufe des letzten Jahres untersuchten fünf römischen Grabkammern (mit Befundnummern)

Im 2./3. Jh. wurden die Gräber rigoros überbaut. Auf dem Kartenausschnitt ist dies beim Hauptwohnhaus und vor allem dessen Badetrakt deutlich zu sehen. Die Grabkammern wurden dabei zerstört und die Ausstattung ging größtenteils verloren.


Insgesamt wurden fünf Kammergräber ausgegraben und untersucht. Die Grabkammern waren im Plenum als rechteckige Befunde von zumeist etwa 5,6 x 3,0 m zu erkennen. Oft waren sie außen von weiteren Grubenbefunden umgeben. Letzte Spuren der hölzernen Kammerwände waren in einigen Befunden noch erkennbar. Auch Hinweise auf Zugänge und regelrechte Laufhorizonte fanden sich. Die Gräber blieben also längere Zeit begehbar.

Die Kammern wirken wie teilberaubt. Jedenfalls zeigten auch die oft nur vereinzelt verbliebenen Fragmente der Beigaben (Keramik- und Glasscherben, Gürtel, Kästchen), dass alle Grabkammern antik ausgeräumt bzw. auf Wertsachen "durchgesehen" und teils nahezu systematisch bereinigt worden sind. In der Grabkammer 1191 liegen die stark fragmentierten Funde zerstreut auf dem Boden.

Die Grabkammer 974 in drei verschiedenen Stadien der Ausgrabung:

  • Oben: Anlage des Plenums in den Grenzen der einstigen Grabkammer

  • Mitte: Tieferes Plenum nach Abbau des Profilsteges. Im Grabinneren sind weitere Gruben zu erkennen.

  • Unten: die negativ ausgegrabenen Opfergruben bzw. Nachbestattungen in der Grabkammer


Bei der Grabkammer 1334 ist der Zugang zur Grabkammer erkennbar.


Mit der Grabkammer 996, die bei der Überbauung mit dem Badetrakt zerstört worden war, hatten sich die Grabungstechniker Josef und Denis Franzen besonders beschäftigt.

Zur Präsentation am Tag der Archäologie hatten sie in einem Nebenraum einen Teilnachbau der Grabkammer aufgestellt, um die Größe der Kammer zu verdeutlichen.

Foto: Görgen, LVR

Josef Franzen erläuterte den Nachbau der untersuchten Grabkammer und wies auf die Besonderheiten der Grabfunde hin.


Ausstellung der Funde

Dr. Alfred Schuler präsentierte die Grabbeigaben aus Grabkammer 966 in einer Vitrine.

Reste von sog. „Leichenbrand“


Die folgenden Fotos zeigen eine Auswahl aus dem reichhaltigen Keramik-Inventar der Grabkammer; insbesondere Reibschüsseln sind auffallend häufig vertreten.

oben links: Reste eines Zweihenkelkruges           unten rechts: kleiner Terra-Sigillata-Napf

Der kleine Terra-Sigillata-Napf war für die Datierung des Grabes aufschlussreich: Der Töpferstempel OF VO wies den Töpfer Volus als Hersteller aus.
Dieser produzierte diese Gefäße von 35 bis 50 n. Chr. im südgallischen La Graufesenque (Südfrankreich, in der Nähe des heutigen Millau).

Die Formen der Sigillata-Gefäße weisen aufgrund von Mode und Geschmack eine chronologische Entwicklungen auf und bilden so neben den Punzen verzierter Gefäße und den Töpferstempeln ein wichtiges Datierungsmerkmal.
Die unterschiedlichen Formen werden dabei u.a. nach bedeutenden Forschern benannt, hier: Drag. = Dragendorff.

Bronzene Grabbeigaben
Diese, bei der Beräuberung über sehenen Bronzeobjekte sind wahr-
scheinlich nur ein kleiner Teil der einst reicheren Grabausstattung:

  • zwei Fibeln

  • ein kleiner Speiselöffel,

  • Teil einer sog. Löffelsonde

Die zwei Drahtfibeln (Form Almgren 15 und Almgren 16 - Mitte 1. Jh. bis Mitte 2. Jh.) waren vollständig erhalten. Die erstere Form war im Rheinland verbreitet, Almgren 16 meist im heutigen Belgien. Sie könnten allerdings auch einer Person zugehörig sein,  da die Frauen in frührömischer Zeit meist zwei Fibeln trugen.
Kleine Löffel dieser Art sind als Teil römischen Essbesteckes bekannt und wurden u.a. als Eierlöffel verwendet. Das spitz zulaufende Griffende diente zum Aufzießen fester Speisen.

Relikte einstiger Speisebeigaben:
Unterkiefer eines Rindes und ein aufgeschlagener Röhrenknochen
zur Markgewinnung

 
 


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Veranstaltungen 2015

 
 

Dies sind (natürlich) keine Grab- beigaben. Bei den Schnecken- gehäusen handelt sich dennoch um einen wichtigen Fund:

 
 

Die Gräber waren offensichtlich der Lebensraum der Schnecken. Hierdurch wurde bestätigt, dass es tatsächlich lichte Grabkammern gab. Andernfalls hätten die Schnecken nicht existieren können.

 
 


Auswahl von Funde aus den anderen Grabkammern

 
 
 
 

Keramikfunde: Becher, Teller und Schüsseln aus verschiedenen Grabkammern (724, 974 und 1191).
Die einheimische, sog. belgische Ware war reichlich vertreten. Der Terra Sigillata Teller (nur Boden erhalten) stammt laut Stempel "OF MONT C" aus den Werkstätten des Töpfers Mont-Cres in La Graufesenque (Südfrankreich) und wurde zwischen 70 und 90 n. Chr. produziert.

 
 

Bruchstück einer vierkantigen, blaugrünen Henkelflasche,
(Foto zum Vergleich)

Nur vereinzelt vorgefundene Glas- scherben belegen die Beigabe von teilweise kostbaren Gefäßen.
In der Frühzeit römischer Herrschaft war Buntglas besonders beliebt, aber auch teuer, da es aus fernen Regionen importiert wurde.

 
 

Knochen:

  • Schädelteile (mit Oberkiefer) eines Hundes (oben) und

  • Unterkiefer eines Rehs (unten)

als seltener Beleg für Jagdwild
als Grabbeigabe.

 
 

Bronze:

  • zwei Ziernägel (Grab 974),

  • unkenntliche Münze (Grab 724),

  • Teil einer Sonde und Schlossriegel vom Verschluss eines kleinen Holzkästchens (beide Grab 1334)

 
 

Eisen: (alle Grab 974)

  • Haken für schwere Last,

  • kleiner Kummetbügel als Teil der Pferdeanschirrung

  • langer Nagel


 
 

Die Beigabensitte von "Pferdezubehör" ist Beleg für eine im weiteren Sinne einheimische Herkunft des Verstorbenen. Zudem weist sie ihn als Angehörigen höherrangiger Schichten innerhalb des Gefüges der provinzialrömischen Bevölkerung aus.

 
 


Das Highlight des Tages der Archäologie 2015

Höhepunkt der Ausstellung und daher auch Motiv auf dem Plakat zur Ausstellung waren zwei kostbare Haarnadeln.

 
 
 
 

Oben im Bild eine reich profilierte Haar-nadel (14 cm) aus reinem Gold. Es handelt sich dabei um einen Sammlerfund bei Kerpen-Manheim.
Darunter eine nahezu identische Silbernadel mit vergoldetem Kopf, die in einer römischen villa rustica im Tagebau Inden gefunden wurde. Möglicherweise befand sich dort eine Werkstatt, in der die dieser Nadeltyp fertigt wurde.

 
 

Quellen:
Texte, Fotos und Grafiken sind den Informationstafeln des LVR entnommen.
Fotos vom Tag der Archäologie, Sa., 22. Aug. 2015 von Hermann-Josef Heinen

 
 

Historischer Verein Wegberg e.V. - 22.08.2015 - Letzte Änderung: 19.08.2017

 
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