Bücherbörse am 02. 11.2014 - Fotobericht - Text Dr. Günter Arnolds - Historischer Verein Wegberg

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Sonntag, 02.11.2014 - Wegberger Mühle
Bücherbörse des Historischen Vereins Wegberg

Kein Ereignis hat das Leben und Miteinander der Völker Europas so stark geprägt wie der 1. Weltkrieg. Nicht ohne Grund wird in Frankreich gerade dieser Krieg bis heute immer noch als „Grande Guerre“, als Großer Krieg, bezeichnet.

Aus Anlass des 100. Jahrestags des Kriegsbeginns stellte der Historische Verein Wegberg am 2. 11. 2014 seine Bücherbörse unter dieses Thema. Zu themenbezogener Literatur des Historischen Vereins wurden von der Fotogruppe Wegberg Originalfotos aus der damaligen Zeit bearbeitet, vergrößert und als beeindruckende optische Dokumentation beigesteuert. Gleichzeitig wurde die Schreibwerkstatt 1 des AWM Wegberg dazu eingeladen, mit eigenen Texten diese Ausstellung im Rahmen von Lesungen auch akustisch zu ergänzen. Wir sind dieser Einladung sehr gerne gefolgt.

Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass uns dieses Thema in verschiedener Hinsicht schnell an Grenzen ge-führt hat- liegt doch der Zeitgeist und das Lebensgefühl zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit außerhalb unserer eigenen persönlichen Erfahrung. So haben wir uns- allein aus Gründen sachlicher und zeitlicher Korrektheit unserer Beiträge - in unterschiedlicher Weise durch Besuch von Ausstellungen, Literaturrecherche, Durchsuchung von in den Familien vorhandenen Unterlagen und Interviews älterer Familienangehöriger dem Thema genähert. Sehr schnell haben wir selbst dabei dieses beklemmende Gefühl von Hilflosigkeit, Leid und Ausgeliefertsein verspürt, welches gleichermaßen in den schriftlichen und fotografischen Dokumentationen gerade der letzten Jahre des Krieges zum Ausdruck kommt.

Auch hinsichtlich Sprache, Stil und Genre haben wir uns - wie bei unserer Arbeit üblich - keine einschränkenden Vorgaben gemacht. Herausgekommen sind dabei also ganz unterschiedliche Beiträge zum selben Thema. Die Geschichten sind teils fiktiv, teils beruhen sie auf tatsächlichen Gegebenheiten. Die Inhalte beginnen bei der Hurra-Mentalität der Daheimgebliebenen und reichen bis zur Unmenschlichkeit an der Front. Platz finden die fiktiv-surreale  Schilderung der Situation in den Schützengräben bis hin zur Ausstrahlung der Kriegsereignisse auf folgende Generationen.

Zu unserer großen Überraschung sind die Lesungen aller Autoren trotz des schweren Themas gut besucht gewesen und haben nachfolgend mehrfach zu Gesprächen mit dem Publikum geführt - was für das Interesse der Wegberger an dieser Problematik und nicht zuletzt das Fingerspitzengefühl des Historischen Vereins bei der Auswahl dieses Themas spricht.

Zum Thema 100 Jahre 1. Weltkrieg anlässlich der Lesung im Rahmen der Bücherbörse des Historischen Vereins Wegberg im November 2014 ist festzuhalten, dass uns die Idee einer Zusammenarbeit mit Historischem Verein und Fotogruppe Wegberg von vornherein sehr angesprochen, ja geradezu gefesselt hat. Derart vielseitige, gleichsam multimediale Aufarbeitungen eines Themas (hier mit Dokumenten und Literatur des Historischen Vereins, Fotos der Fotogruppe und Texten von uns) kennen und schätzen wir aus unserer bisherigen Tätigkeit, da auf solche Weise ein Thema wesentlich lebendiger und vielschichtiger und damit für das Publikum interessanter behandelt werden kann.

Gleichwohl ist das Thema 1. Weltkrieg schwierig für uns gewesen und hat andere Vorbereitungen erfordert als Themen, die uns zeitlich oder inhaltlich im wahrsten Sinn des Wortes näher liegen. Allein die Recherche hinsichtlich einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblichen Alltags- oder Verwaltungssprache, Kleidung, Ausrüstung. Lebensart und des damals vorherrschenden Lebensgefühls hat einige Zeit in Anspruch genommen- ist dies doch notwendig, um Geschichten zu schreiben, die passend und bis hin zu Details stimmig zu dieser Zeit sind.

Hier sollen die einzelnen Autoren selbst bezüglich ihrer Beiträge zu Wort kommen, um ihre Herangehens-weise an dieses Thema zu erläutern.

Renate Müller
„In tiefster Ergriffenheit“


Das Schwierigste war, sich in die Zeit und die Situation einzufühlen, die beide von unserem heutigen Leben so unglaublich weit weg sind. Nachdem ich dann den Anfang des Fadens greifen konnte, entwickelte sich die ganze Geschichte selbst.

Aber dann entstand eine andere Schwierigkeit. Ich baue zu den Personen in meinen Erzählungen immer eine sehr enge Beziehung auf, ich kenne sie besser als manche meiner Freunde oder als sie sich selbst. Sie, die in meiner Geschichte zum Leben erweckt werden, bedeuten mir viel, daher ging und geht mir dieser besondere Text sehr nah. So sehr, dass ich beim Vortragen meines eigenen Textes mit den Tränen kämpfen musste.

Cora Imbusch „Das Wunder“

Bei der Entstehung einer Geschichte greife ich oft auf eigene Erlebnisse, Gefühle, bereiste Orte zurück und füge diese wahren Details in meine erfundenen Geschichten ein. Durch die Authentizität der beschriebenen Orte oder Gefühle werden die Geschichten zum Leben erweckt.

Beim 1. Weltkrieg konnte ich auf keinerlei eigene Erfahrungen zurückgreifen. Die recherchierten Fakten waren erdrückend. Tod und Leid. Zunächst fand ich keinen Ansatzpunkt.
Erst durch die Erzählungen meines Vaters über die Kriegserfahrungen meines Großvaters fand ich einen Erzählkern, auf dem ich meine Geschichte aufbauen konnte. Die beschriebene Taschenuhr ging wirklich im Kriegsgetümmel verloren und wurde auch dort von meinem Opa wieder gefunden.
Leider befindet sich die Uhr nicht mehr im Familienbesitz- sie ging erneut verloren. Aber das ist eine neue Geschichte…

Anneliese Baatz- „Alptraum“


Zunächst habe ich mich an Hand der DOKU „14 Tagebücher“, die im WDR-Fernsehen gesendet wurde, noch einmal eingehend mit dem schwierigen und beklemmenden Thema auseinander gesetzt.

Es fiel mir zunächst schwer, aus den vielfältigen Informationen einen Bereich für einen Beitrag zur Lesung heraus zu filtern. Nach und nach entstand dann eine Idee, die Arbeit in den Lazaretten als Inhalt meiner überwiegend fiktiven Geschichte zu nehmen.

Inga Lücke- „Schreibblockade“

Im Jahr 1964 in Deutschland geboren zu sein, bedeutet das große Glück, bisher keine eigenen Kriegserlebnisse gemacht zu haben. Es bedeutet aber auch, im Schatten des Kalten Krieges aufgewachsen zu sein, so dass auch ohne eigene Kriegserlebnisse die Kriegsangst eine sehr intensive frühe Erfahrung ist.

Sie hat sich jahrelang durch meine Gedanken und Träume gezogen, so dass ich froh war, sie irgendwann schließlich doch beiseite drängen zu können. Als ich dann einen Text über den Krieg verfassen wollte, rührte sich diese alte Angst wieder.  Die Auseinandersetzung mit dem Thema war schwierig und belastend, doch es war auch sehr hilfreich, die Angst zwar näher, doch durch den Schreibauftrag emotional distanzierter zu betrachten. Mich beschäftigte weniger das konkrete Geschehen in den Schützengräben als vielmehr die Frage, wie Menschen dieses Grauen psychisch überleben können und was der Krieg aus einem Menschen machen kann.
Neben viel Recherche im Internet waren es vor allem Feldpostbriefe aus dem Familiennachlass, die viele neue Fragen aufwarfen, aber auch Antworten gaben. All diese Probleme bei der Auseinandersetzung mit diesem schweren Thema drapierte ich dann um die fiktive Person des Journalisten Harald, bei dem die Belastung zu einer Schreibblockade führte.

Günter Arnolds „Somme 1916“

Glücklicherweise verfüge auch ich dank meines Geburtsjahres 1954 nicht über eigene, wirkliche Kriegserfahrungen. Natürlich können auch meine 15 Monate Grundwehrdienst im Alter von ca. 19 Jahren nicht annähernd an echte Kriegserlebnisse heranreichen.

Allerdings bin ich durch diese Zeit in der Kampfkompanie einer Grenadiereinheit samt entsprechender  Ausbildung und Einsatz als Panzer-kommandant zumindest an solche Situationen herangeführt worden. Nicht zuletzt die militärische Sprache, die sich- wie ich festgestellt habe- seit dem 1. Weltkrieg (bedenkenswerterweise?!) kaum geändert hat, ist mir also nicht fremd. Gerade diese Sprache verharmlost jedoch oft massiv die Belastung der Soldaten, sogar schon in einer an sich nicht bedrohlichen Manöversituation!
So lag die Situation im Schützengraben als Thema meiner Erzählung nahe. Der Ort entspricht der Gegend, in der mein eigener Großvater wahrscheinlich gekämpft hat. Die Anpassung an die Verhältnisse des 1. Weltkrieges war jedoch in den Details zeitaufwendig. So mussten die genauen Bezeichnungen der beteiligten Einheiten samt ihrer militärischen Führer, die zeitlichen und geografischen Daten und nicht zuletzt die Ausrüstungsdetails vom Gewehr-Typ bis zu den unterschiedlichen Stahlhelmen recherchiert werden. Diese Angaben sind also REAL.
Demgegenüber soll das gewählte Genre, welches durch bewusste, beinahe  SURREALE  Übertreibungen schon in Richtung einer Farce tendiert, durch das allmähliche Verwischen von Realität und Irrealität die individuelle seelische Not gerade beteiligter einfacher Menschen wie auch die generelle Unmenschlichkeit des Krieges verdeutlichen.

Annemarie Lennartz- „Leben im ersten Weltkrieg oder Das Gute Werk“

Ratlos stand ich vor der Aufgabe, einen Text über den 1. Weltkrieg zu verfassen. Angelesene geschichtliche Daten ließen mich zwar einen Zipfel davon erahnen, welche Katastrophe dieser schreckliche Krieg für die Menschen war, brachte mich aber dem Schreiben kein bisschen näher.

Dann fiel mein Blick auf das Porträt der Großmutter meines Mannes und ich erinnerte mich, was sie über ihre Erlebnisse während dieser Zeit erzählt hat. Schnell war mir klar, was ich wollte und habe ihre Geschichte aufgeschrieben. Bei den Motiven handelt es sich um eine überlieferte Erzählung aus der Familiengeschichte.

Peter C. Schmidt (Jahrgang 1947) „Herbstschlacht in der Champagne 1915“

Im Jahr 2010 bin ich zur Schreibwerkstatt des AWM, Wegberg, gekommen. In den letzten fünf Jahren sind aus Fremden mit ähnlichen Zielen Freunde auf einem gemeinsamen Weg geworden. Das gegenseitige Vertrauen und die notwendige konstruktive Kritik sind wesentliche Bausteine der SiebenSchreiber.

Als der Historische Verein uns bat, Texte zum 1. Weltkrieg zu erarbeiten, erschien mir die Aufgabe nicht besonders schwierig. Erst mit den Vorarbeiten und den Recherchen, z.B. im Bundesarchiv, wurde das Thema für mich immer problematischer. Die arrogante Diskrepanz zwischen der Sprache der  deutschen Heeresberichte und denen der Briefe von Frontsoldaten an ihre Familien hat mich erschüttert. Das Leid und der Tod der vielen Tausend Menschen aus ganz Europa war und ist für mich unvorstellbar. Unter diesem Eindruck entstand meine Geschichte “Herbstschlacht in der Champagne 1915”.

In einer Gesamtschau kann man abschließend festhalten:

Je tiefer wir in die Thematik und die damalige Zeit eintauchten, umso mehr wurden wir durch diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts emotional mit-, hin- und her-, sowie schließlich fortgerissen, sowohl beim Schreiben der Beiträge wie auch beim Lesen anlässlich der Veranstaltung des Historischen Vereins Wegberg!

HVW - 14.07.2015 - Fotobericht mit Texten von Dr. Günter Arnolds
Fotos von Thomas Lischker, Peter Ullmann und Hermann-Josef Heinen



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